Apostolisches Schreiben
„Evangelii nuntiandi“
Seiner Heiligkeit Papst Pauls VI.
an den Episkopat, den Klerus
und alle Gläubigen der Katholischen Kirche
über die Evangelisierung
in der Welt von heute

8. Dezember 1975

 

Papst Paul VI.
Ehrwürdige Brüder,
geliebte Söhne und Töchter!
Gruß und Apostolischen Segen!

Besonderer Einsatz für die Evangelisierung
1. Die Verkündigung des Evangeliums an die Menschen unserer Zeit, die
von Hoffnung erfüllt, aber gleichzeitig oft von Furcht und Angst niedergedrückt
sind, ist ohne Zweifel ein Dienst, der nicht nur der Gemeinschaft
der Christen, sondern der ganzen Menschheit erwiesen wird.
Darum erscheint Uns die Pflicht, die Brüder zu bestärken – diese haben
Wir vom Herrn empfangen mit dem Amt des Nachfolgers Petri1, und sie ist
für Uns eine „tägliche Sorge“2, ein Lebens- und Arbeitsprogramm sowie
eine grundlegende Verpflichtung Unseres Pontifikates –, darum erscheint
Uns also diese Pflicht noch vornehmer und dringlicher, wenn es sich darum
handelt, unsere Brüder zu bestärken, die mit der Evangelisierung beauftragt
sind, damit sie in diesen Zeiten der Unsicherheit und der Verwirrung
ihre Sendung mit immer mehr Liebe, Eifer und Freude erfüllen.

Aus dreifachem Anlaß
2. Das gerade wollen Wir hier tun zum Abschluß des Heiligen Jahres, in
dessen Verlauf die Kirche, „die mit ihrer ganzen Kraft bemüht ist, das
Evangelium allen Menschen zu verkünden“3, nichts anderes gewollt hat,
als ihr Amt als Botin der Frohbotschaft Jesu Christi zu erfüllen, die mit den
beiden grundlegenden Leitworten angekündigt wurde: „Ziehet den neuen
Menschen an“4 und „Laßt euch mit Gott versöhnen“5.
Wir wollen dies tun anläßlich des zehnten Jahrestages des Abschlusses des
Zweiten Vatikanischen Konzils, dessen Anliegen sich letztlich in einem
Wort zusammenfassen lassen: die Kirche des 20. Jahrhunderts besser zu
befähigen, das Evangelium der Menschheit des 20. Jahrhunderts zu verkünden.
Wir wollen dieses ein Jahr nach der dritten Generalversammlung der Bischofssynode,
die bekanntlich der Evangelisierung gewidmet war, um so
lieber tun, da die Synodalväter selber Uns darum gebeten haben. In der Tat
haben sie am Ende der denkwürdigen Versammlung beschlossen, dem Hirten
der universalen Kirche mit großem, demütigem Vertrauen die Frucht
ihrer ganzen Arbeit zu übergeben, und erklärten dabei, daß sie vom Papst
einen neuen Anstoß erwarten, der imstande ist, neue Zeiten der
Evangelisierung heraufzuführen innerhalb einer Kirche, die noch tiefer
verwurzelt ist in der unvergänglichen Kraft und Macht des Pfingstgeheimnisses6.

Oft betontes Thema während Unseres Pontifikates
3. Wir haben wiederholt die Bedeutung des Themas der Evangelisierung
hervorgehoben, lange vor den Tagen der Synode. „Die Verhältnisse der
Gesellschaft“, sagten Wir vor dem Kardinalskollegium am 22. Juni 1973,
„legen uns allen die Verpflichtung auf, die Methoden zu überprüfen und
mit allen Mitteln uns zu bemühen herauszufinden, wie man dem modernen
Menschen die christliche Botschaft nahebringen kann, in der allein er die
Antwort auf seine Fragen zu finden vermag und die Kraft für seinen Einsatz
zu menschlicher Solidarität“7. Wir fügten hinzu, daß es, um auf die
vom Konzil an Uns gerichteten Forderungen eine gültige Antwort zu geben,
unbedingt notwendig ist, Uns das überlieferte Glaubensgut vor Augen
zu stellen, das die Kirche in seiner unantastbaren Reinheit bewahren, aber
auch den Menschen unserer Zeit in einer möglichst verständlichen und
überzeugenden Weise darbieten muß.

In der Linie der Synode von 1974
4. Diese Treue gegenüber einer Botschaft, deren Diener Wir sind, und gegenüber
den Menschen, denen Wir sie unversehrt und lebendig übermitteln
müssen, ist der Kernpunkt der Evangelisierung. Sie stellt drei brennende
Fragen, die die Synode von 1974 beständig vor Augen hatte:
– Was ist in unseren Tagen aus dieser verborgenen Kraftquelle der Frohbotschaft
geworden, die fähig ist, das Gewissen des Menschen tief aufzurütteln?
– Bis zu welchem Grad und wie ist diese Kraft des Evangeliums imstande,
den Menschen unseres Jahrhunderts umzugestalten?
– Welchen Methoden muß man bei der Verkündigung des Evangeliums
folgen, damit es seine Kraft entfalte?
Diese Fragen erklären letztlich das grundlegende Problem, das sich die
Kirche heute stellt und das man so formulieren könnte: Ist die Kirche – ja
oder nein – nach dem Konzil und dank des Konzils, das für sie in dieser geschichtlichen
Wende eine Stunde Gottes gewesen ist, fähiger geworden,
das Evangelium zu verkünden und es überzeugend, im Geiste der Freiheit
und wirksam in das Herz des Menschen einzusenken?

Einladung zur Besinnung
5. Wir alle sehen die Dringlichkeit, auf diese Frage eine loyale, ehrliche
und mutige Antwort zu geben und konsequent zu handeln.
In Unserer „Sorge für alle Kirchen“8 möchten Wir Unseren Brüdern, Söhnen
und Töchtern helfen, auf diese Fragen eine Antwort zu geben. Mögen
Unsere Worte, die, ausgehend von den reichen Erfahrungen der Synode,
eine Besinnung über die Evangelisierung sein wollen, das ganze Gottesvolk,
das in der Kirche vereint ist, zur gleichen Gesinnung anregen und
allen ein neuer Anstoß sein, vor allem jenen, „die sich in Wort und Lehre
abmühen“9, damit ein jeder von ihnen „ein treuer Verwalter des Wortes der
Wahrheit“10 sei, die Aufgabe als Verkünder der Heilsbotschaft verwirkliche
und vollkommen sein Amt erfülle.
Eine solche mahnende Ermutigung ist Uns als sehr wichtig erschienen,
denn die Verkündigung des Evangeliums ist für die Kirche nicht etwa ein
Werk, das in ihrem Belieben stünde. Es ist ihre Pflicht, die ihr durch den
Auftrag des Herrn Jesus Christus obliegt, damit die Menschen glauben und
gerettet werden können. In der Tat, diese Botschaft ist notwendig. Sie ist
einzigartig. Sie kann nicht ersetzt werden. Sie erlaubt weder Gleichgültigkeit
noch Vermischungen mit anderen Lehren oder falsche Anpassungen.
Es geht hierbei nämlich um das Heil des Menschen. Sie stellt die Schönheit
der Offenbarung dar. Sie bietet eine Weisheit, die nicht von dieser
Welt ist. Sie ist imstande, durch sich selbst den Glauben zu wecken, einen
Glauben, der auf der Macht Gottes gründet11. Sie ist die Wahrheit. Sie verdient
es, daß der Glaubensbote ihr seine ganze Zeit und alle seine Kräfte
widmet und, falls notwendig, für sie auch sein eigenes Leben opfert.

I. Von Christus, dem Urheber der
Evangelisierung, zu einer evangelisierenden
Kirche Zeugnis und Sendung Jesu

6. Das Zeugnis, das der Herr von sich selbst gibt und das der hl. Lukas in
seinem Evangelium niedergelegt hat: „Ich muß die Frohbotschaft vom
Reiche Gottes verkünden“12, hat ohne Zweifel eine große Bedeutung, denn
es erklärt mit einem Wort die ganze Sendung Jesu: „Dazu bin ich gesandt
worden“13. Diese Worte erhalten ihren vollen Sinn, wenn man sie mit den
vorhergehenden Versen zusammen sieht, wo eben Christus auf sich selbst
das Wort des Propheten Jesaja anwendet: „Der Geist des Herrn ruht auf
mir, denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, den Armen die Frohbotschaft
zu bringen“14.
Von Stadt zu Stadt, vor allem den ärmsten, zur Aufnahme oft bereitesten
Menschen die Frohbotschaft von der Erfüllung der Verheißungen und des
Bundes zu bringen, der von Gott angeboten wird, das ist die Aufgabe, für
die Jesus nach seinen eigenen Worten vom Vater gesandt worden ist. Alle
Gesichtspunkte seines Mysteriums – die Menschwerdung selbst, die Wunder,
die Unterweisungen, die Sammlung von Jüngern, die Aussendung der
Zwölf, das Kreuz und die Auferstehung, das Verbleiben seiner Gegenwart
inmitten der Seinigen – zielen auf diese vorrangige Tätigkeit: die Verkündigung
der Frohbotschaft.

Jesus, der Urheber der Evangelisierung
7. Die Bischöfe haben im Verlauf der Synode sehr oft diese Wahrheit hervorgehoben:
Jesus selbst, Frohbotschaft Gottes15, ist der allererste und
größte Künder des Evangeliums gewesen. Er ist es bis zum Äußersten
gewesen: bis zur Vollkommenheit und zur Hingabe seines irdischen Lebens.
Evangelisieren: Welche Bedeutung hatte dieser Imperativ für Christus? Es
ist bestimmt nicht leicht, in einer vollständigen Synthese den Sinn, den Inhalt
und die Wege einer solchen Evangelisierung wiederzugeben, wie sie
Christus aufgefaßt und ins Werk gesetzt hat. Eine solche Synthese wird
übrigens niemals ganz vollkommen sein können. Es möge Uns hier somit
genügen, auf einige wesentliche Gesichtspunkte hinzuweisen.

Die Verkündigung des Reiches Gottes
8. Christus, der Künder der Frohbotschaft, verkündet an erster Stelle ein
Reich, das Reich Gottes, das von solcher Bedeutung ist, daß im Vergleich
zu ihm alles „der Rest“ wird, der „hinzugegeben wird“16. Nur das Reich
also ist ein absoluter Wert und relativiert alles andere. Der Herr liebt es,
unter vielen verschiedenen Formen das Glück zu beschreiben, diesem
Reich anzugehören; ein widersprüchlich erscheinendes Glück, das aus
Dingen erwächst, die die Welt verschmäht17; die Forderungen des Reiches
und seine „Magna Charta“18, die Herolde des Reiches19, seine Geheimnisse20,
seine Kinder21, die Wachsamkeit und die Treue, die von jedem gefordert
werden, der seine endgültige Ankunft erwartet22.

Die Verkündigung des befreienden Heiles
9. Als Kernstück und Mittelpunkt seiner Frohbotschaft verkündet Christus
das Heil, dieses große Gottesgeschenk, das in der Befreiung von der
Sünde und vom Bösen, in der Freude, Gott zu erkennen und von ihm erkannt
zu werden, ihn zu schauen und ihm anzugehören. Dies alles beginnt
bereits während des Lebens Christi und wird durch seinen Tod und seine
Auferstehung endgültig erworben; es muß aber mit Geduld im Verlauf der
Geschichte fortgeführt werden, um dann voll verwirklicht zu werden am
Tage der endgültigen Ankunft Christi, von dem niemand weiß, wann er
sein wird, außer dem Vater23.

Um den Preis eines opferbereiten Einsatzes
10. Dieses Reich und dieses Heil, Grundbegriffe der Evangelisierung Jesu
Christi, kann jeder Mensch erhalten als Gnade und Erbarmung, und dennoch
muß sie ein jeder mit Gewalt an sich reißen – sie gehören den Gewalttätigen,
sagt der Herr24 –, durch Anstrengung und Leiden, durch ein
Leben nach dem Evangelium, durch Verzicht und Kreuz, durch den Geist
der Seligpreisungen. Vor allem aber reißt sie ein jeder an sich durch eine
totale innere Umkehr, die das Evangelium mit dem Namen „metanoia“ bezeichnet,
durch eine radikale Bekehrung, durch eine tiefe Umwandlung in
der Gesinnung und im Herzen25.

Unermüdliche Predigt
11. Diese Verkündigung des Reiches Gottes vollzog Christus durch unermüdliches
Predigen, in Worten, von denen man sagen muß, daß sie ihresgleichen
nicht haben: „Seht, eine neue Lehre, mit Vollmacht vorgetragen!“
26; „und alle gaben ihm Beifall und waren voll Staunen über die
Anmut seiner Worte, die aus seinem Munde kamen“27; „so wie dieser hat
noch nie ein Mensch gesprochen“28. Seine Worte enthüllen das Geheimnis
Gottes, seinen Plan und seine Verheißung, und verwandeln deshalb das
Herz des Menschen und sein Schicksal.

Verkündigung durch Zeichen
12. Gleichermaßen verwirklicht aber Christus diese Verkündigung durch
ungezählte Zeichen, die das Staunen der Volksmenge erregen und sie
gleichzeitig zu ihm hinziehen, um ihn zu sehen, ihn zu hören und sich von
ihm umformen zu lassen: Heilung von Kranken, Verwandlung des Wassers
in Wein, Brotvermehrung, Auferweckung von Toten. Ferner auch vor allem
durch jenes Zeichen, dem er große Bedeutung beimißt: den Einfachen,
den Armen wird das Evangelium verkündet, sie werden seine Jünger, sie
vereinigen sich „in seinem Namen“ in der großen Gemeinschaft jener, die
an ihn glauben. Denn dieser Jesus, der erklärte: „Ich muß die Frohbotschaft
vom Reiche Gottes verkünden“29, ist der gleiche Jesus, von dem
Johannes der Evangelist sagte, daß er gekommen ist und sterben mußte,
„um die zerstreuten Kinder Gottes zu einer einzigen Gemeinschaft zusammenzuführen“
30. So vollendet er seine Offenbarung, indem er sie ergänzt
und bekräftigt durch jede Bezeugung, die er von sich selbst gibt, durch
Worte und Werke, durch Zeichen und Wunder und ganz besonders durch
seinen Tod, durch seine Auferstehung und durch die Sendung des Geistes
der Wahrheit31.

Für eine evangelisierte und evangelisierende Gemeinschaft
13. Jene, die aufrichtig die Frohbotschaft annehmen, vereinigen sich also
kraft dieser Annahme und des gemeinsamen Glaubens im Namen Jesu, um
gemeinsam das Reich zu suchen, es aufzubauen, es zu leben. Sie bilden
eine Gemeinschaft, die ihrerseits evangelisiert. Der Auftrag, der den Zwölf
gegeben wurde – „Gehet hin, verkündet die Frohbotschaft“ –, gilt auch,
wenngleich in anderer Art, für alle Christen. Dies ist auch der Grund, warum
Petrus diese letzteren nannte „ein zu eigen erworbenes Volk, um die
Großtaten Gottes zu verkünden“32, jene Großtaten, die ein jeder in seiner
eigenen Sprache hören konnte33. Im übrigen gilt die Frohbotschaft vom
Reich, das kommt und das angefangen hat, für alle Menschen aller Zeiten.
Jene, die sie empfangen haben, jene, die sie zu einer Gemeinschaft des
Heils versammelt, können und müssen sie mitteilen und ausbreiten.

Evangelisierung, die eigentliche Aufgabe der Kirche
14. Die Kirche weiß um diese ihre Aufgabe. Sie hat ein lebendiges Bewußtsein,
daß das Wort des Heilands – „Ich muß die Frohbotschaft vom
Reich Gottes verkünden“34 – voll und ganz auch von ihr gilt. Mit dem hl.
Paulus fügt sie gern hinzu: „Von der Verkündigung des Evangeliums bleibt
mir kein Ruhm. Es ist meine Pflicht. Wehe mir, wenn ich das Evangelium
nicht verkündigte!“35. Am Ende der großen Versammlung im Oktober hörten
Wir zu Unserer Freude und Unserem Trost das klare Wort: „Wir wollen
erneut bekräftigen, daß die Aufgabe, allen Menschen die Frohbotschaft
zu verkündigen, die wesentliche Sendung der Kirche ist“36, eine Aufgabe
und Sendung, die die umfassenden und tiefgreifenden Veränderungen der
augenblicklichen Gesellschaft nur noch dringender machen. Evangelisieren
ist in der Tat die Gnade und eigentliche Berufung der Kirche, ihre tiefste
Identität. Sie ist da, um zu evangelisieren, d. h. um zu predigen und zu
unterweisen, Mittlerin des Geschenkes der Gnade zu sein, die Sünder mit
Gott zu versöhnen, das Opfer Christi in der heiligen Messe immer gegenwärtig
zu setzen, welche die Gedächtnisfeier seines Todes und seiner glorreichen
Auferstehung ist.

Wechselseitige Beziehungen zwischen Kirche
und Evangelisierung

15. Wer immer im Neuen Testament die Ursprünge der Kirche nachliest,
folgt Schritt auf Schritt ihrer Geschichte, beobachtet, wie sie lebt und handelt,
und sieht, daß sie ihrem innersten Wesen nach zur Evangelisierung
verpflichtet ist:
– Die Kirche entsteht aus der Evangelisierung durch Jesus und die Zwölf.
Sie ist deren normales, gewolltes, ganz unmittelbares und sichtbares Ergebnis:
„So geht denn hin und macht alle Völker zu Jüngern“37. Oder, „die
nun sein Wort annahmen, wurden getauft, und gegen dreitausend schlossen
sich ihnen an . . . Und der Herr führte ihnen täglich jene zu, die das Heil
erlangen sollten“38.
– Geboren folglich aus der Sendung, ist die Kirche ihrerseits durch Christus
gesandt. Die Kirche bleibt in der Welt, da der Herr der Glorie zum Vater
heimkehrt. Sie bleibt als ein Zeichen, das gleichzeitig dunkel und
leuchtend ist für seinen Hingang und sein Verbleiben. Sie führt seine Gegenwart
ununterbrochen fort. Es ist vor allem seine Sendung und sein
Dienst der Evangelisierung, zu deren Fortsetzung sie berufen ist39. Denn
die Gemeinschaft der Christen ist niemals in sich selbst abgeschlossen. In
ihr hat das eigentliche Leben – Leben des Gebetes, Hören auf das Wort und
die Unterweisung der Apostel, gelebte brüderliche Liebe, Austeilen des
Brotes40 – nur seinen vollen Sinn, wenn es zum Zeugnis wird, die Aufmerksamkeit
auf sich zieht und zur Umkehr führt, zur Predigt wird und die
Frohbotschaft verkündet. So ist es die ganze Kirche, die die Sendung zur
Evangelisierung empfängt, und die Mitwirkung jedes einzelnen ist für das
Ganze von Wichtigkeit.
– Die Kirche, Trägerin der Evangelisierung, beginnt damit, sich selbst zu
evangelisieren. Als Gemeinschaft von Gläubigen, als Gemeinschaft gelebter
und gepredigter Hoffnung, als Gemeinschaft brüderlicher Liebe muß
die Kirche unablässig selbst vernehmen, was sie glauben muß, welches die
Gründe ihrer Hoffnung sind und was das neue Gebot der Liebe ist. Als
Volk Gottes, das mitten in dieser Welt lebt und oft durch deren Idole versucht
wird, muß die Kirche immer wieder die Verkündigung der Großtaten
Gottes41 hören, die sie zum Herrn bekehrt haben, von neuem von ihm gerufen
und geeint werden, wenn sie ihre Lebendigkeit, ihren Schwung und
ihre Stärke bewahren will, um das Evangelium zu verkünden. Das Zweite
Vatikanische Konzil hat daran erinnert42, und auch die Synode von 1974
hat dieses Thema von der Kirche, die sich durch eine beständige Bekehrung
und Erneuerung selbst evangelisiert, um die Welt glaubwürdig zu
evangelisieren, mit Nachdruck aufgegriffen.
– Die Kirche ist Hüterin der Frohbotschaft, die es zu verkündigen gilt. Die
Verheißungen des Neuen Bundes in Jesus Christus, die Predigt des Herrn
und der Apostel, das Wort des Lebens, die Quellen der Gnade und der Güte
Gottes, der Weg des Heiles: all dies ist der Kirche anvertraut worden. Das
ist der Inhalt des Evangeliums und folglich der Evangelisierung, den die
Kirche als lebendigen und kostbaren Schatz hütet, nicht um ihn verborgen
zu halten, sondern um ihn mitzuteilen.
– Selber gesandt und für das Evangelium gewonnen, entsendet die Kirche
Glaubensboten. Sie legt in ihren Mund das Wort, das rettet, sie erklärt
ihnen die Botschaft, deren Hüterin sie selber ist, sie erteilt ihnen den Auftrag,
den sie selber empfangen hat, und schickt sie aus zum Predigen. Sie
sollen nicht ihre eigene Person oder ihre persönlichen Ideen43 predigen,
sondern ein Evangelium, dessen absoluter Herr und Besitzer weder jene
noch sie selbst sind, um darüber nach ihrem eigenen Gutdünken zu verfügen,
wohl aber sind sie dessen Diener, um es in vollkommener Treue
weiterzugeben.

Untrennbare Verbindung zwischen der Kirche und Christus
16. Es besteht daher eine enge Verbindung zwischen Christus, der Kirche
und der Evangelisierung. Während dieser Zeit der Kirche hat die Kirche
die Aufgabe zu evangelisieren. Diese Aufgabe wird nicht ohne sie, noch
weniger im Gegensatz zu ihr, durchgeführt.
Es ist sicher nützlich, dies alles in Erinnerung zu rufen in einem Augenblick,
wo wir zu unserem Schmerz von manchen hören können, denen wir
eine gute Absicht nicht absprechen wollen, die aber geistig sicherlich
falsch orientiert sind, die nachdrücklich beteuern, Christus zu lieben, aber
ohne die Kirche; auf Christus zu hören, aber nicht auf die Kirche; mit Christus
zu sein, aber außerhalb der Kirche. Wie absurd dieses Auseinanderreißen
ist, wird deutlich aus dem Wort des Evangeliums: „Wer euch verwirft,
verwirft mich“44.
Und wie will man Christus lieben, ohne die Kirche zu lieben, wenn das
schönste Zeugnis, das man Christus ausstellen kann, jenes des hl. Paulus
ist: „Er hat die Kirche geliebt und sich selbst für sie dahingegeben“45.

II. Was besagt Evangelisieren?


Vielschichtigkeit der evangelisierenden Tätigkeit
17. In der evangelisierenden Tätigkeit der Kirche gibt es sicher Elemente
und Aspekte, die es stets zu erhalten gilt. Einige sind so bedeutend, daß
man dazu neigt, sie einfach mit der Evangelisierung gleichzusetzen.
Man hat so die Evangelisierung als Verkündigung Christi an diejenigen,
die ihn noch nicht kennen, als Predigt, als Katechese, als Spendung der
Taufe und anderer Sakramente zu definieren vermocht. Keine partielle und
fragmentarische Definition entspricht jedoch der reichen, vielschichtigen
und dynamischen Wirklichkeit, die die Evangelisierung darstellt; es besteht
immer die Gefahr, sie zu verarmen und sogar zu verstümmeln. Es ist
unmöglich, sie zu erfassen, wenn man sich nicht darum bemüht, alle ihre
wesentlichen Elemente in die Betrachtung mit einzubeziehen.
Diese Elemente, die im Verlauf der obengenannten Synode mit Nachdruck
unterstrichen worden sind, werden heute unter dem Einfluß der Arbeiten
derselben Synode oft noch vertieft. Wir freuen Uns darüber, daß sie sich
im Grunde in jene Grundlinien einordnen, die uns das Zweite Vatikanische
Konzil aufgezeigt hat, so vor allem in den Konstitutionen Lumen gent
i u m , G a u d i u m e t s p e s und im Dekret Ad g e n t e s .

Erneuerung der Menschheit
18. Evangelisieren besagt für die Kirche, die Frohbotschaft in alle Bereiche
der Menschheit zu tragen und sie durch deren Einfluß von innen her
umzuwandeln und die Menschheit selbst zu erneuern: „Seht, ich mache
alles neu!“46. Es gibt aber keine neue Menschheit, wenn es nicht zuerst
neue Menschen gibt durch die Erneuerung aus der Taufe47 und ein Leben
nach dem Evangelium48. Das Ziel der Evangelisierung ist also die innere
Umwandlung. Wenn man es mit einem Wort ausdrücken müßte, so wäre es
wohl am richtigsten zu sagen: die Kirche evangelisiert, wenn sie sich
bemüht, durch die göttliche Kraft der Botschaft, die sie verkündet49, zugleich
das persönliche und kollektive Bewußtsein der Menschen, die
Tätigkeit, in der sie sich engagieren, ihr konkretes Leben und jeweiliges
Milieu umzuwandeln.

Bereiche der Menschheit
19. Bereiche der Menschheit, die umgewandelt werden sollen: Für die
Kirche geht es nicht nur darum, immer weitere Landstriche oder immer
größere Volksgruppen durch die Predigt des Evangeliums zu erfassen, sondern
zu erreichen, daß durch die Kraft des Evangeliums die Urteilskriterien,
die bestimmenden Werte, die Interessenpunkte, die Denkgewohnheiten,
die Quellen der Inspiration und die Lebensmodelle der Menschheit,
die zum Wort Gottes und zum Heilsplan im Gegensatz stehen, umgewandelt
werden.

Evangelisierung der Kulturen
20. Vielleicht können wir dies zusammenfassend auf folgende Weise ausdrücken:
Es gilt – und zwar nicht nur dekorativ wie durch einen oberflächlichen
Anstrich, sondern mit vitaler Kraft in der Tiefe und bis zu ihren
Wurzeln – die Kultur und die Kulturen des Menschen im vollen und umfassenden
Sinn, den diese Begriffe in Gaudium et spes50 haben, zu
evangelisieren, wobei man immer von der Person ausgeht und dann stets
zu den Beziehungen der Personen untereinander und mit Gott fortschreitet.
Das Evangelium und somit die Evangelisierung identifizieren sich natürlich
nicht mit der Kultur und sind unabhängig gegenüber allen Kulturen.
Dennoch wird das Reich, das das Evangelium verkündet, von Menschen
gelebt, die zutiefst an eine Kultur gebunden sind, und kann die Errichtung
des Gottesreiches nicht darauf verzichten, sich gewisser Elemente der
menschlichen Kultur und Kulturen zu bedienen. Unabhängig zwar gegenüber
den Kulturen, sind Evangelium und Evangelisierung jedoch nicht
notwendig unvereinbar mit ihnen, sondern fähig, sie alle zu durchdringen,
ohne sich einer von ihnen zu unterwerfen.
Der Bruch zwischen Evangelium und Kultur ist ohne Zweifel das Drama
unserer Zeitepoche, wie es auch das anderer Epochen gewesen ist. Man
muß somit alle Anstrengungen machen, um die Kultur, genauer die Kulturen,
auf mutige Weise zu evangelisieren. Sie müssen durch die Begegnung
mit der Frohbotschaft von innen her erneuert werden. Diese Begegnung
findet aber nicht statt, wenn die Frohbotschaft nicht verkündet wird.

Vorrangige Bedeutung des gelebten Zeugnisses
21. Die Verkündigung muß vor allem durch ein Zeugnis erfolgen. Das
geschieht z. B., wenn ein einzelner Christ oder eine Gruppe von Christen
inmitten der menschlichen Gemeinschaft, in der sie leben, ihre Verständnis-
und Annahmebereitschaft, ihre Lebens- und Schicksalsgemeinschaft
mit den anderen, ihre Solidarität in den Anstrengungen aller für alles, was
edel und gut ist, zum Ausdruck bringen. Ferner auch dadurch, daß sie auf
ganz einfache und spontane Weise ihren Glauben in Werte bekunden, die
über den allgemeingängigen Werten stehen, und ihre Hoffnung in etwas,
das man nicht sieht und von dem man nicht einmal zu träumen wagt. Durch
dieses Zeugnis ohne Worte wecken diese Christen in den Herzen derer, die
ihr Leben sehen, unwiderstehliche Fragen: Warum sind jene so? Warum leben
sie auf diese Weise? Was – oder wer – ist es, das sie beseelt? Warum
sind sie mit uns? In der Tat, ein solches Zeugnis ist bereits stille, aber sehr
kraftvolle und wirksame Verkündigung der Frohbotschaft. Es handelt sich
hier um eine Anfangsstufe der Evangelisierung. Die Fragen nämlich, die
vielleicht die ersten sind, die sich viele Nichtchristen stellen, seien es
Menschen, denen Christus niemals verkündet worden ist, Getaufte, die
nicht praktizieren, Menschen, die zwar in christlichen Ländern, aber
keineswegs nach christlichen Grundsätzen leben, oder auch solche, die
leidvoll etwas oder jemanden suchen, den sie erahnen, ohne ihn mit einem
Namen benennen zu können. Andere Fragen werden sich noch erheben,
die tiefer und anspruchsvoller sind. Sie werden durch dieses Zeugnis
geweckt, das Zugegensein, Anteilnahme und Solidarität besagt und ein
wesentliches Element, im allgemeinen das erste, in der Evangelisierung
ist5l.
Zu diesem Zeugnis sind alle Christen aufgerufen; unter diesem Gesichtspunkt
können sie alle wirkliche Träger der Evangelisierung sein. Wir
denken insbesondere an die Verantwortung, die die Auswanderer in ihren
Gastländern tragen.

Notwendigkeit einer ausdrücklichen Verkündigung
22. Doch ist dieses Zeugnis niemals ausreichend, denn auch das schönste
Zeugnis erweist sich auf die Dauer als unwirksam, wenn es nicht erklärt,
begründet – das, was Petrus „Rechenschaft gebenüber seine Hoffnung“52
nennt – und durch eine klare und eindeutige Verkündigung des Herrn Jesus
Christus entfaltet wird. Die Frohbotschaft, die durch das Zeugnis des
Lebens verkündet wird, wird also früher oder später durch das Wort des
Lebens verkündet werden müssen. Es gibt keine wirkliche Evangelisierung,
wenn nicht der Name, die Lehre, das Leben, die Verheißungen, das
Reich, das Geheimnis von Jesus von Nazaret, des Sohnes Gottes, verkündet
werden.
Die Geschichte der Kirche wird seit der Rede des Petrus am Pfingstmorgen
weithin mit der Geschichte dieser Verkündigung eins. In jeder neuen Periode
der menschlichen Geschichte hat die Kirche, die beständig vom
Wunsch nach Evangelisierung beseelt ist, nur die eine Sorge: Wen senden,
um das Geheimnis Jesu Christi zu verkünden? In welcher Sprache dieses
Geheimnis verkünden? Wie es anstellen, damit es vernehmbar wird und all
diejenigen erreicht, die es hören sollen? Diese Verkündigung – Kerygma,
Predigt oder Katechese – nimmt in der Evangelisierung einen solchen
Platz ein, daß sie oft mit ihr gleichbedeutend geworden ist, während sie tatsächlich
nur einer ihrer Aspekte ist.

Für eine lebendige, gemeinschaftliche Zustimmung
23. Die Verkündigung erhält in der Tat ihre volle Dimension nur, wenn sie
gehört, aufgenommen und angeeignet wird und in dem, der sie so annimmt,
die Zustimmung des Herzens bewirkt. Zustimmung zu den Wahrheiten,
die der Herr aus Barmherzigkeit geoffenbart hat, gewiß. Aber mehr
noch, Zustimmung zu dem Lebensprogramm – dem eines nunmehr verwandelten
Lebens –, das er vorlegt. Mit einem Wort, Zustimmung zu dem
Reich, d. h. zur „neuen Welt“, zum neuen Zustand der Dinge, zur neuen
Weise des Seins, des Lebens, des Zusammenlebens, die das Evangelium
eröffnet. Eine solche Zustimmung, die nicht abstrakt und körperlos bleiben
kann, offenbart sich konkret durch einen sichtbaren Eintritt in eine Gemeinschaft
von Gläubigen. So treten also jene, deren Leben umgewandelt
ist, in eine Gemeinschaft ein, die selbst ein Zeichen der Umwandlung, ein
Zeichen des neuen Lebens ist: es ist die Kirche, das sichtbare Sakrament
des Heiles53. Seinerseits wiederum kommt der Eintritt in die kirchliche Gemeinschaft
durch viele andere Zeichen zum Ausdruck, die das Zeichen der
Kirche ausweiten und entfalten. In der Dynamik der Evangelisierung
bringt derjenige, der das Evangelium als das errettende Wort54 annimmt,
diesen Schritt gewöhnlich in folgenden sakramentalen Gesten zum Ausdruck:
Zustimmung zur Kirche, Empfang der Sakramente, die diese Zustimmung
durch die Gnade, die sie vermitteln, bezeugen und bekräftigen.

Anstoß zu neuem Apostolat
24. Schließlich wird derjenige, der evangelisiert worden ist, auch seinerseits
wieder evangelisieren. Dies ist der Wahrheitstest, die Probe der Echtheit
der Evangelisierung: Es ist undenkbar, daß ein Mensch das Wort
Gottes annimmt und in das Reich eintritt, ohne auch von sich aus Zeugnis
zu geben und dieses Wort zu verkünden.
Am Schluß dieser Erwägungen über den Sinn der Evangelisierung muß
noch eine letzte Bemerkung gemacht werden, die Wir für die nachfolgenden
Überlegungen als klärend erachten.
Die Evangelisierung ist, wie Wir gesagt haben, ein vielschichtiges Geschehen
mit verschiedenen Elementen: Erneuerung der Menschheit, Zeugnis,
ausführliche Verkündigung, Zustimmung des Herzens, Eintritt in die
Gemeinschaft, Empfang der Zeichen und Einsatz im Apostolat. Diese Elemente
können als gegensätzlich, ja sogar als einander ausschließend erscheinen.
In Wirklichkeit ergänzen und bereichern sie sich jedoch gegenseitig.
Man muß jedes einzelne von ihnen stets in seiner integrierenden
Funktion zu den anderen sehen. Der Wert der Synode besteht vor allem
darin, daß sie uns wiederholt dazu aufgefordert hat, diese Elemente, anstatt
sie zueinander in Gegensatz zu stellen, miteinander zu verbinden, um so zu
einem vollen Verständnis der Evangelisierung der Kirche zu gelangen.
Es ist diese ganzheitliche Sicht, die Wir hier darstellen möchten, indem
Wir den Inhalt der Evangelisierung und die hierbei einzusetzenden Mittel
untersuchen und genauer bestimmen, an wen sich die Verkündigung des
Evangeliums richtet und wer heute damit beauftragt ist.

III. Der Inhalt der Evangelisierung

Sekundäre Elemente und wesentlicher Inhalt
25. In der Botschaft, die die Kirche verkündet, gibt es natürlich eine Reihe
sekundärer Elemente. Ihre Darstellung hängt stark von den sich wandelnden
Umständen ab. Auch ändern sie sich selbst. Doch gibt es ebenso
den wesentlichen Inhalt, die lebendige Substanz, die man nicht verändern
noch mit Schweigen übergehen kann, ohne die Evangelisierung selbst
schwer zu entstellen.

Zeugnis für die Liebe des Vaters
26. Es ist nützlich, daran zu erinnern: Evangelisieren besagt, zuallererst,
auf einfache und direkte Weise Zeugnis zu geben von Gott, der sich durch
Jesus Christus geoffenbart hat im Heiligen Geist. Zeugnis davon zu geben,
daß er in seinem Sohn die Welt geliebt hat; daß er in seinem menschgewordenen
Wort allen Dingen das Dasein gegeben und die Menschen zum
ewigen Leben berufen hat. Dieses Zeugnis von Gott wird vielleicht für viele
den unbekannten Gott55 mitbezeichnen, den sie anbeten, ohne ihm einen
Namen zu geben, oder den sie auf Grund eines verborgenen Antriebs ihres
Herzens suchen, wenn sie erfahren, wie hohl alle Idole sind. Es wird aber
erst zur wirklichen Evangelisierung, wenn aufgezeigt wird, daß der Schöpfer
für den Menschen keine anonyme und ferne Macht ist: er ist der Vater:
„Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es“56. Also sind wir untereinander
Brüder in Gott.

Mittelpunkt der Botschaft: das Heil in Jesus Christus
27. Die Evangelisierung wird auch immer – als Grundlage, Zentrum und
zugleich Höhepunkt ihrer Dynamik – klar verkünden müssen, daß in Jesus
Christus, dem menschgewordenen, gestorbenen und auferstandenen Sohne
Gottes, das Heil einem jeden Menschen angeboren ist als ein Geschenk
der Gnade und des Erbarmens Gottes selbst57. Dabei geht es nicht etwa um
ein diesseitiges Heil nach dem Maß der materiellen Bedürfnisse oder auch
der geistigen, die sich im Rahmen der zeitlichen Existenz erschöpfen und
sich mit den zeitlichen Wünschen, Hoffnungen, Geschäften und Kämpfen
gänzlich decken, sondern um ein Heil, das alle Grenzen übersteigt, um sich
dann in einer Gemeinschaft mit dem einen Absoluten, mit Gott, zu vollenden:
ein transzendentes, eschatologisches Heil, das seinen Anfang gewiß
schon in diesem Leben hat, aber sich erst in der Ewigkeit vollendet.

Unter dem Zeichen der Hoffnung
28. Die Evangelisierung muß folglich die prophetische Verkündigung eines
Jenseits enthalten, das eine tiefe, endgültige Berufung des Menschen
ist, die zugleich eine Fortsetzung und ein völliges Übersteigen des jetzigen
Zustandes darstellt: jenseits der Zeit und der Geschichte, jenseits der
Wirklichkeit dieser Welt, deren Gestalt vergeht, und der Dinge dieser Welt,
deren verborgene Dimension eines Tages offenbar werden wird; jenseits
des Menschen selbst, dessen wahres Geschick sich nicht in seiner zeitlichen
Gestalt erschöpft, sondern erst offenbar werden wird im ewigen Leben58.
Die Evangelisierung enthält somit auch die Verkündigung einer
Hoffnung auf die Verheißungen, die von Gott im Neuen Bund in Jesus
Christus gegeben worden sind; die Verkündigung der Liebe Gottes zu uns
und unsere Liebe zu Gott; die Verkündigung der Bruderliebe zu allen Menschen
– der Fähigkeit zur Hingabe und zum Verzeihen, zum Verzicht und
zur Hilfe des Bruders –, die aus der Liebe Gottes entspringt und den Kern
des Evangeliums bildet; die Verkündigung des Geheimnisses des Bösen
und des Strebens nach dem Guten. Gleichermaßen – und das ist stets vordringlich
die Verkündigung von der Suche nach Gott selbst durch das
Gebet, vor allem durch Anbetung und Danksagung, aber auch durch die
Gemeinschaft mit jenem sichtbaren Zeichen der Begegnung mit Gott, das
die Kirche Jesu Christi ist. Diese Gemeinschaft findet dann ihrerseits ihren
Ausdruck im Vollzug der anderen Zeichen des in der Kirche lebenden und
wirkenden Christus, nämlich der Sakramente. Die Sakramente so zu leben,
daß in ihrer Feier ihre ganze Fülle zum Ausdruck kommt, bedeutet nicht,
wie einige behaupten, ein Hindernis aufzurichten oder einen Irrweg der
Evangelisierung hinzunehmen, sondern ihr ihre ganzheitliche Vollendung
zu geben. Denn die Evangelisierung besteht in ihrer Gesamtheit über die
Verkündigung einer Botschaft hinaus darin, die Kirche einzupflanzen, die
es aber ohne dieses sakramentale Leben nicht gibt, welches seinen Höhepunkt
in der Eucharistie hat59.

Botschaft, die das ganze Leben erfaßt
29. Doch wäre die Evangelisierung nicht vollkommen, würde sie nicht
dem Umstand Rechnung tragen, daß Evangelium und konkretes Leben des
Menschen als Einzelperson und als Mitglied einer Gemeinschaft einander
ständig beeinflussen. Darum fordert die Evangelisierung eine klar formulierte
Botschaft, die den verschiedenen Situationen jeweils angepaßt und
stets aktuell ist, und zwar über die Rechte und Pflichten jeder menschlichen
Person, über das Familienleben, ohne das kaum eine persönliche Entfaltung
möglich ist60, über das Zusammenleben in der Gesellschaft, über
das internationale Leben, den Frieden, die Gerechtigkeit, die Entwicklung;
eine Botschaft über die Befreiung, die in unseren Tagen besonders eindringlich
ist.

Eine Botschaft der Befreiung
30. Es ist bekannt, mit welchen Worten auf der letzten Synode zahlreiche
Bischöfe aus allen Kontinenten, vor allem die Bischöfe der Dritten Welt,
mit einem pastoralen Akzent gerade über die Botschaft der Befreiung gesprochen
haben, wobei die Stimme von Millionen von Söhnen und Töchtern
der Kirche, die jene Völker bilden, miterklungen ist. Völker, wie Wir
wissen, die sich mit all ihren Kräften dafür einsetzen und kämpfen, daß all
das überwunden wird, was sie dazu verurteilt, am Rande des Lebens zu
bleiben: Hunger, chronische Krankheiten, Analphabetismus, Armut,
Ungerechtigkeiten in den internationalen Beziehungen und besonders im
Handel, Situationen eines wirtschaftlichen und kulturellen Neokolonialismus,
der mitunter ebenso grausam ist wie der alte politische Kolonialismus.
Die Kirche hat, wie die Bischöfe erneut bekräftigt haben, die Pflicht,
die Befreiung von Millionen Menschen zu verkünden, von denen viele ihr
selbst angehören; die Pflicht zu helfen, daß diese Befreiung Wirklichkeit
wird, für sie Zeugnis zu geben und mitzuwirken, damit sie ganzheitlich erfolgt.
Dies steht durchaus im Einklang mit der Evangelisierung.

In notwendiger Verbindung mit der Entfaltung des Menschen
31. Zwischen Evangelisierung und menschlicher Entfaltung – Entwicklung
und Befreiung – bestehen in der Tat enge Verbindungen: Verbindungen
anthropologischer Natur, denn der Mensch, dem die Evangelisierung
gilt, ist kein abstraktes Wesen, sondern sozialen und wirtschaftlichen
Problemen unterworfen; Verbindungen theologischer Natur, da man ja den
Schöpfungsplan nicht vom Erlösungsplan trennen kann, der hineinreicht
bis in die ganz konkreten Situationen des Unrechts, das es zu bekämpfen,
und der Gerechtigkeit, die es wiederherzustellen gilt. Verbindungen
schließlich jener ausgesprochen biblischen Ordnung, nämlich der der Liebe:
Wie könnte man in der Tat das neue Gebot verkünden, ohne in der
Gerechtigkeit und im wahren Frieden das echte Wachstum des Menschen
zu fördern? Wir haben es für nützlich erachtet, das selbst hervorzuheben,
indem Wir daran erinnert haben, daß es unmöglich hinzunehmen ist, „daß
das Werk der Evangelisierung die äußerst schwierigen und heute so stark
erörterten Fragen vernachlässigen kann und darf, die die Gerechtigkeit, die
Befreiung, die Entwicklung und den Frieden in der Welt betreffen. Wenn
das eintreten würde, so hieße das, die Lehre des Evangeliums von der Liebe
zum leidenden und bedürftigen Nächsten vergessen“61.
Dieselben Stimmen, die während der genannten Synode mit Eifer, Klugheit
und Mut dieses brennende Thema berührt haben, haben zu unserer
großen Freude auch die klärenden Prinzipien aufgezeigt, um die Bedeutung
und den tiefen Sinn der Befreiung richtig zu verstehen, so wie sie
Jesus von Nazaret verkündet und verwirklicht hat und sie die Kirche lehrt.

Weder Einschränkung noch Zweideutigkeit
32. Wir dürfen uns in der Tat nicht verheimlichen, daß viele hochherzige
Christen, die für die dramatischen Fragen aufgeschlossen sind, die sich mit
dem Problem der Befreiung stellen, in der Absicht, die Kirche am Einsatz
für die Befreiung zu beteiligen, oft versucht sind, ihre Sendung auf die Dimensionen
eines rein diesseitigen Programmes zu beschränken: ihre Ziele
auf eine anthropozentrische Betrachtungsweise; das Heil, dessen Bote und
Sakrament sie ist, auf einen materiellen Wohlstand; ihre Tätigkeit, unter
Vernachlässigung ihrer ganzen geistlichen und religiösen Sorge, auf Initiativen
im politischen und sozialen Bereich. Wenn es aber so wäre, würde
die Kirche ihre grundlegende Bedeutung verlieren. Ihre Botschaft der Befreiung
hätte keine Originalität mehr und würde leicht von ideologischen
Systemen und politischen Parteien in Beschlag genommen und manipuliert.
Sie hätte keine Autorität mehr, gleichsam von Gott her die Befreiung
zu verkünden. Darum haben Wir in derselben Ansprache zur Eröffnung der
dritten Generalversammlung der Synode unterstreichen wollen, „daß es
notwendig ist, die spezifisch religiöse Zielsetzung der Evangelisierung erneut
klar herauszustellen. Diese würde ihre Existenzberechtigung verlie-
ren, wenn sie sich von der religiösen Zielsetzung entfernen würde, die sie
bestimmt: das Reich Gottes vor allen anderen Dingen in seinem vollen
theologischen Sinn“62

Die Befreiung durch das Evangelium
33. Von der Befreiung, die die Evangelisierung verkündet und zu verwirklichen
sucht, muß vielmehr folgendes gesagt werden:
– Sie kann sich nicht einfach auf die begrenzte wirtschaftliche, politische,
soziale oder kulturelle Dimension beschränken, sondern muß den ganzen
Menschen in allen seinen Dimensionen sehen, einschließlich seiner Öffnung
auf das Absolute, das Gott ist.
Sie ist deshalb an ein bestimmtes Menschenbild gebunden, an eine Lehre
vom Menschen, die sie niemals den Erfordernissen irgend einer Strategie,
einer Praxis oder eines kurzfristigen Erfolges wegen opfern kann.

Ausrichtung auf das Reich Gottes
34. Das ist der Grund, warum in der Verkündigung der Befreiung und in
der Solidarität mit denen, die sich für sie einsetzen und für sie leiden, die
Kirche es nicht hinnimmt, daß ihre Sendung nur auf den Bereich des Religiösen
beschränkt wird, indem sie sich für die zeitlichen Probleme des
Menschen nicht interessiert; sie bekräftigt jedoch den Vorrang ihrer geistlichen
Sendung; sie weigert sich, die Verkündigung des Reiches Gottes
durch die Verkündigung der menschlichen Befreiungen zu ersetzen, und
behauptet, daß auch ihr Beitrag zur Befreiung unvollkommen wäre, wenn
sie es vernachlässigte, das Heil in Jesus Christus zu verkünden.

Nach einer biblischen Sicht des Menschen
35. Die Kirche verbindet die menschliche Befreiung und das Heil in Jesus
Christus eng miteinander, ohne sie jedoch jemals gleichzusetzen, denn sie
weiß aufgrund der Offenbarung, der geschichtlichen Erfahrung und durch
theologische Reflexion, daß nicht jeder Begriff von Befreiung zwingend
schlüssig und vereinbar ist mit einer biblischen Sicht des Menschen, der
Dinge und Ereignisse; daß es für die Ankunft des Reiches Gottes nicht
genügt, die Befreiung herbeizuführen sowie Wohlstand und Fortschritt zu
verwirklichen. Die Kirche ist vielmehr der festen Überzeugung, daß jede
zeitliche Befreiung, jede politische Befreiung – selbst wenn sie sich
bemüht, ihre Rechtfertigung auf dieser oder jener Seite des Alten oder
Neuen Testamentes zu finden; selbst wenn sie sich für ihre ideologischen
Forderungen und ihre Verhaltensregeln auf die Autorität theologischer Gegebenheiten
und Schlußfolgerungen beruft; selbst wenn sie beansprucht,
die Theologie für heute zu sein – den Keim ihrer eigenen Negation und des
Verfalls des von ihr vorgestellten Ideals bereits in sich selbst trägt, sofern
ihre tieferen Beweggründe nicht die der Gerechtigkeit in der Liebe sind,
der Elan, der sie beseelt, keine wirklich geistige Dimension besitzt und ihr
Endziel nicht das Heil und die Glückseligkeit in Gott ist.

Notwendigkeit einer Bekehrung
36. Die Kirche erachtet es gewiß als bedeutend und dringlich, Strukturen
zu schaffen, die menschlicher und gerechter sind, die Rechte der Person
mehr achten, weniger beengend und unterdrückend sind; sie ist sich aber
dessen bewußt, daß die besten Strukturen, die idealsten Systeme schnell
unmenschlich werden, wenn nicht die unmenschlichen Neigungen im Herzen
des Menschen geläutert werden, wenn nicht bei jenen, die in diesen
Strukturen leben oder sie bestimmen, eine Bekehrung des Herzens und des
Geistes erfolgt.

Ausschluß von Gewalttätigkeit
37. Die Kirche kann nicht die Gewalttätigkeit, vor allem nicht die Waffengewalt
– die unkontrollierbar ist, wenn sie entfesselt wird –, und auch
nicht den Tod von irgend jemandem als Weg zur Befreiung akzeptieren,
denn sie weiß, daß die Gewalttätigkeit immer Gewalt hervorruft und unwiderstehlich
neue Formen der Unterdrückung und der Sklaverei erzeugt,
die oft noch drückender sind als jene, von denen sie zu befreien vorgibt.
Wir sagten es bereits deutlich während Unserer Reise nach Kolumbien:
„Wir ermahnen euch, euer Vertrauen weder auf die Gewalttätigkeit noch
auf die Revolution zu setzen; eine solche Haltung widerspricht dem christlichen
Geist und kann den sozialen Fortschritt, nach dem ihr euch berechtigterweise
sehnt, auch eher verzögern als fördern“63 „Wir müssen feststellen
und erneut bekräftigen, daß die Gewalttätigkeit nicht christlich ist
noch dem Geist des Evangeliums entspricht, daß die plötzlichen oder
gewaltsamen Veränderungen der Strukturen eine Täuschung und in sich
unwirksam wären und ganz gewiß nicht mit der Würde des Volkes in Einklang
stünden“64.

Spezifischer Beitrag der Kirche
38. Nach diesen Überlegungen geben Wir Unserer Freude darüber Ausdruck,
daß die Kirche ein immer lebendigeres Bewußtsein von ihrer eigenen,
grundlegend biblischen Weise erwirbt, in der sie zur Befreiung der
Menschen beitragen kann.
Und was tut sie? Sie sucht immer mehr Christen heranzubilden, die sich
für die Befreiung der anderen einsetzen. Sie gibt diesen Christen, die als
„Befreier“ tätig werden, eine vom Glauben geprägte Einstellung, eine Motivation
zur Bruderliebe und eine Soziallehre, die ein echter Christ nicht
außer acht lassen kann, sondern die er als Grundlage für seine Überlegungen
und seine Erfahrung nehmen muß, um sie in die Tat umzusetzen im
eigenen Handeln, im Zusammenwirken mit anderen und dadurch, daß man
dafür eintritt. Das alles muß, ohne daß es mit taktischem Verhalten noch
mit Unterordnung unter ein politisches System verwechselt werden darf,
den Eifer des engagierten Christen kennzeichnen. Die Kirche bemüht sich,
den christlichen Einsatz für die Befreiung stets in den umfassenden Heilsplan
einzuordnen, den sie selbst verkündet.
Was Wir hier in Erinnerung gebracht haben, ist in den Beratungen der Synode
des öfteren zur Sprache gekommen. Darüber hinaus wünschten Wir
schon in der Ansprache, die Wir am Ende der Versammlung an die Väter
gerichtet haben, diesem Thema einige klärende Worte zu widmen65.
Alle diese Überlegungen sollen, wie man hoffen darf, helfen, die Mißverständnisse
zu vermeiden, denen das Wort „Befreiung“ sehr oft in den Ideologien,
Systemen oder politischen Gruppen ausgesetzt ist. Die Befreiung,
die die Evangelisierung verkündet und vorbereitet, ist jene, die Christus
selbst dem Menschen durch sein Opfer verkündet und geschenkt hat.

Die Religionsfreiheit
39. In dieser echten Befreiung, die mit der Evangelisierung verbunden ist
und sich um die Verwirklichung von Strukturen bemüht, die die menschliche
Freiheit schützen, muß die Gewährleistung aller Grundrechte des
Menschen mit eingeschlossen sein, unter denen der Religionsfreiheit eine
erstrangige Bedeutung zukommt. Wir haben erst kürzlich von der Aktualität
dieser Frage gesprochen, als Wir darauf hingewiesen haben, „wie viele
Christen noch heute, nur weil sie Christen, weil sie Katholiken sind, mit
Gewalt systematisch unterdrückt werden! Das Drama der Treue zu Christus
und der Freiheit der Religion setzt sich noch weiter fort, wenn es auch
oft durch allgemeine Erklärungen zugunsten der menschlichen Person und
Gesellschaft verschleiert wird“66.

IV. Die Wege der Evangelisierung

Auf der Suche nach geeigneten Wegen
40. Die offenkundige Bedeutung des Inhalts der Evangelisierung darf jedoch
nicht die Bedeutung ihrer Wege und Mittel verdecken. Auch diese
Frage bleibt stets aktuell, denn die Weisen der Evangelisierung sind verschieden,
je nach den unterschiedlichen Umständen der Zeit, des Ortes und
der Kultur. Diese Unterschiede sind eine ganz bestimmte Herausforderung
an unsere Entdeckungs- und Anpassungsfähigkeit.
Insbesondere uns, den Hirten in der Kirche, ist die Sorge aufgetragen,
kühn und umsichtig und zugleich in unbedingter Treue zum Inhalt die geeignetsten
und wirksamsten Weisen zur Mitteilung der Botschaft des
Evangeliums an die Menschen unserer Zeit neu zu entdecken und in die Tat
umzusetzen.
Bei diesen Überlegungen hier soll es uns genügen, auf einige Wege aufmerksam
zu machen, die aus dem einen oder anderen Grund von entscheidender
Bedeutung sind.

Das Zeugnis des Lebens
41. Ohne alles zu wiederholen, was Wir schon vorher gesagt haben, ist es
doch gut, folgendes hervorzuheben. Für die Kirche ist das Zeugnis eines
echt christlichen Lebens mit seiner Hingabe an Gott in einer Gemeinschaft,
die durch nichts zerstört werden darf, und gleichzeitig mit einer
Hingabe an den Nächsten in grenzenloser Einsatzbereitschaft der erste
Weg der Evangelisierung, „Der heutige Mensch“, so sagten wir kürzlich zu
einer Gruppe von Laien, „hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und
wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind“67. Als der
hl. Petrus das Bild eines reinen und ehrbaren Lebens zeichnete, brachte er
das deutlich zum Ausdruck: „Ohne zu reden, gewannen sie diejenigen,
welche sich weigerten, an das Wort zu glauben“68. Die Evangelisierung der
Welt geschieht also vor allem durch das Verhalten, durch das Leben der
Kirche, das heißt durch das gelebte Zeugnis der Treue zu Jesus, dem
Herrn, durch das gelebte Zeugnis der Armut und inneren Loslösung und
der Freiheit gegenüber den Mächten dieser Welt, kurz, der Heiligkeit.

Eine lebendige Predigt
42. Sodann ist es nicht überflüssig, auf die Bedeutung und Notwendigkeit
der Verkündigung hinzuweisen. „Wie sollen sie an den glauben, von dem
sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündet?.
. . So gründet der Glaube in der Botschaft, die Botschaft im Wort
Christi“69. Dieses Gesetz, einst vom Apostel Paulus aufgestellt, behält
auch heute noch seine ganze Kraft.
Ja, die Verkündigung, diese mündliche Proklamation einer Botschaft, ist
nach wie vor unverzichtbar. Wir wissen sehr wohl, daß der Mensch angesichts
der Wortflut in unserer Zeit oft des Hörens müde wird und, schlimmer
noch, dem Wort gegenüber abstumpft. Wir kennen auch die Gedanken
zahlreicher Psychologen und Soziologen, die behaupten, der moderne
Mensch habe die Zivilisation des Wortes, die nun unwirksam und „überflüssig“
geworden sei, hinter sich gelassen und lebe nun in einer Zivilisation
des Bildes. Das müßte uns gewiß anspornen, die von dieser Zivilisation
hervorgebrachten modernen Mittel für die Vermittlung der Botschaft
des Evangeliums einzusetzen. Übrigens sind in dieser Richtung schon beachtliche
Anstrengungen unternommen worden. Wir können das nur loben
und dazu ermutigen, diese Bemühungen noch weiter zu verstärken und zu
entfalten. Die Müdigkeit, die sich heute angesichts einer solchen Flut
leerer Worte und der Aktualität ganz anderer Kommunikationsformen einstellt,
darf indes die bleibende Kraft des Wortes nicht schwächen oder das
Vertrauen zum Wort verlorengehen lassen. Das Wort bleibt immer aktuell,
zumal wenn es die Macht Gottes in sich trägt70. Darum bleibt auch heute
der Grundsatz des hl. Paulus gültig: „Der Glaube gründet in der Botschaft“
71. Es ist also das vernommene Wort, das zum Glauben führt.

Wortliturgie
43. Diese Verkündigung, die Evangelisierung ist, nimmt, vom Eifer angetrieben,
fast unbegrenzt vielfältige Formen an. In der Tat: unzählbar sind
die Ereignisse des Lebens und die menschlichen Situationen, die Gelegenheit
bieten, still und doch sehr wirksam vernehmbar zu machen, was der
Herr uns in der jeweiligen konkreten Situation zu sagen hat. Es genügt echte
innere Wachsamkeit, um die Botschaft Gottes aus den Ereignissen herauszulesen.
Da die vom Konzil erneuerte Liturgie großen Wert auf die „Liturgie
des Wortes“ legt, wäre es ein Irrtum, die Homilie nicht mehr als ein
gültiges und durchaus geeignetes Mittel zur Evangelisierung zu betrachten.
Die Bedingungen und Möglichkeiten der Homilie muß man gut kennen
und tief ausschöpfen, damit sie ihre ganze pastorale Wirksamkeit erlangen.
Von allem muß man jedoch von ihrer Bedeutung überzeugt sein
und sich ihr mit Liebe widmen. Diese Verkündigung, die in besonderer
Weise in die eucharistische Feier eingefügt ist – von der sie selbst verstärkte
Macht und Kraft erhält –, nimmt in der Evangelisierung ganz sicher
einen vorrangigen Platz ein, und zwar insoweit als sie den tiefen Glauben
des Priesters selbst zum Ausdruck bringt und von Liebe durchdrungen ist.
Damit die versammelte Gemeinde der Gläubigen eine österliche Kirche
sei, welche das Fest des mitten unter ihnen anwesenden Herrn feiert, erwartet
und empfängt sie sehr viel von dieser Predigt: sie soll einfach sein,
klar, direkt, auf die Menschen bezogen, tief in den Lehren des Evangeliums
verwurzelt und treu dem Lehramt der Kirche, beseelt von einem gesunden
apostolischen Eifer, der aus ihrem besonderen Charakter erwächst,
voller Hoffnung, den Glauben stärkend, Frieden und Einheit stiftend. Viele
pfarrlichen und andere Gemeinschaften leben und festigen sich dank der
Predigt an jedem Sonntag, weil sie diese Eigenschaft aufweist.
Fügen wir noch hinzu, daß dank der liturgischen Erneuerung die Feier der
Eucharistie nicht der einzige geeignete Ort für die Homilie ist. Sie gehört
auch – und das sollte nicht vernachlässigt werden in die Feier aller Sakramente,
ferner in die Wortgottesdienste, zu denen sich die Gläubigen versammeln.
Immer wird die Homilie eine bevorzugte Gelegenheit sein, das
Wort des Herrn anderen mitzuteilen.

Die Katechese
44. Ein Weg, der bei der Evangelisierung nicht vernachlässigt werden
darf, ist der der katechetischen Unterweisung. Der menschliche Verstand,
vor allem der der Kinder und Jugendlichen, muß durch eine systematische
religiöse Unterweisung die fundamentalen Gegebenheiten und den lebensspendenden
Inhalt der Wahrheit zu erfassen lernen, die Gott uns hat überliefern
lassen und die die Kirche im Laufe ihrer langen Geschichte auf immer
vielfältigere Art auszudrücken suchte. Daß diese Unterweisung dazu
dienen soll, christliche Lebensgewohnheiten zu formen und nicht nur Sache
des Verstandes zu bleiben, ist unbestritten. Sicherlich wird die Bemühung
um die Evangelisierung großen Nutzen bringen im Bereich der
der Kirche anvertrauten katechetischen Unterweisung, und zwar in den
Schulen, wo dies möglich ist, und auf jeden Fall in den christlichen Familien,
wenn die Katecheten über geeignetes Lehrmaterial verfügen, das mit
Sachverstand und unter der verantwortlichen Leitung der Bischöfe den
heutigen Erfordernissen angepaßt ist. Die Unterrichtsmethoden müssen
dem Alter, der Kulturstufe und der Aufbaufähigkeit der einzelnen entsprechen,
um stets die wesentlichen Wahrheiten dem Gedächtnis dem Verstand
und dem Herzen einzuprägen versuchen, die unser ganzes Leben durchformen
sollen. Es ist notwendig, gute Katecheten – Pfarrkatecheten, Lehrer
und Eltern – heranzubilden, die sich um eine Vervollkommnung in dieser
hohen und unerläßlich notwendigen Kunst der religiösen Unterweisung
bemühen. Andererseits stellt man fest, daß unter den gegenwärtigen Umständen
die katechetische Unterweisung in der Form eines Katechumenats
immer dringlicher wird; denn zahlreiche Jugendliche und Erwachsene entdecken
nach und nach, von der Gnade berührt, das Antlitz Christi und
empfinden das Bedürfnis, sich ihm zu schenken. Dabei soll jedoch die
religiöse Erziehung der Kinder nicht vernachlässigt werden.

Benützung der Massenmedien
45. Wie Wir bereits gesagt haben, kann in unserer Zeit, die von den Massenmedien
oder sozialen Kommunikationsmitteln geprägt ist, bei der ersten
Bekanntmachung mit dem Glauben, bei der katechetischen Unterwei-
sung und bei der weiteren Vertiefung des Glaubens auf diese Mittel nicht
verzichtet werden.
In den Dienst des Evangeliums gestellt, vermögen diese Mittel den Bereich
der Vernehmbarkeit des Wortes Gottes fast unbegrenzt auszuweiten;
sie bringen die Frohbotschaft zu Millionen von Menschen. Die Kirche
würde vor ihrem Herrn schuldig, wenn sie nicht diese machtvollen Mittel
nützte, die der menschliche Verstand immer noch weiter vervollkommnet.
Dank dieser Mittel verkündet die Kirche die ihr anvertraute Botschaft „von
den Dächern“72. In ihnen findet sie eine moderne, wirksame Form der Kanzel.
Durch sie vermag sie zur Masse des Volkes zu sprechen.
Indes stellt die Nutzung der sozialen Kommunikationsmittel für die Evangelisierung
heute eine Herausforderung dar. Die Botschaft des Evangeliums
müßte über sie zu vielen gelangen, aber doch so, daß sie immer den
einzelnen innerlich zu treffen vermag, sich in das Herz eines jeden einsenkt,
als wäre er allein, in seiner ganzen persönlichen Einsamkeit, und
ganz persönliche Zustimmung und Einsatzbereitschaft weckt.

Unerläßlicher persönlicher Kontakt
46. Darum bleibt neben dieser Verkündigung des Evangeliums in umfassendster
Weise die andere Form seiner Vermittlung, nämlich von Person zu
Person, weiterhin gültig und bedeutsam. Der Herr hat sich ihrer oft bedient
– seine Gespräche mit Nikodemus, Zachäus, der Samariterin, Simon dem
Pharisäer und anderen bezeugen es. Dasselbe sehen wir bei den Aposteln.
Wird es im Grund je eine andere Form der Mitteilung des Evangeliums geben
als die, in der man einem anderen seine eigene Glaubenserfahrung
mitteilt? Die Dringlichkeit, die Frohbotschaft den vielen zu verkünden,
darf nicht jene Form des Mitteilens übersehen lassen, in welcher das ganz
persönliche Innere des Menschen angesprochen wird, berührt von einem
ganz besonderen Wort, das er von einem anderen empfängt. Wir können
nicht genug jene Priester loben, die sich im Sakrament der Buße oder im
pastoralen Gespräch als Führer der Menschen auf den Wegen des Evangeliums
erweisen, sie in ihrem Bemühen stärken, sie aufrichten, wenn sie
gefallen sind, und ihnen immer mit Klugheit und steter Verfügbarkeit beistehen.

Die Rolle der Sakramente
47. Man wird nicht nachdrücklich genug darauf hinweisen können, daß
sich die Evangelisierung nicht in der Verkündigung und der Erklärung einer
Lehre erschöpft. Denn die Evangelisierung muß das Leben erreichen –
das natürliche Leben, dem sie vom Horizont des Evangeliums her, der sich
in ihr eröffnet, einen neuen Sinn verleiht, und dann das übernatürliche Leben,
welches nicht die Verneinung, sondern die Läuterung und Erhöhung
des natürlichen Lebens ist.
Dieses übernatürliche Leben kommt lebendig zum Ausdruck in den sieben
Sakramenten und der ihnen eigenen wunderbaren Ausstrahlung der Gnade
und Heiligkeit. Die Evangelisierung kommt zu ihrer ganzen Fülle, wenn in
ihr die innige Verbindung oder besser noch, eine ununterbrochene Wechselwirkung
zwischen Wort und Sakramenten hergestellt wird. In einem bestimmten
Sinn ist es irreführend, Verkündigung und Sakramente als Gegensätze
zu sehen, wie es manchmal geschieht. Doch ist es durchaus wahr,
daß ein Sakrament einen großen Teil seiner Wirkung verliert, wenn seiner
Spendung nicht eine gründliche Unterweisung über die Sakramente und
eine umfassende Katechese vorausgeht. Die Aufgabe der Evangelisierung
besteht eben darin, den Glauben so zu lehren, daß jeder Christ dahin geführt
wird, die Sakramente – statt sie passiv zu empfangen oder über sich
ergehen zu lassen – als wahrhafte Gnadenmittel des Glaubens zu leben.

Die Volksfrömmigkeit
48. Damit rühren wir auch an einen Gesichtspunkt in der Evangelisierung,
den man nicht unbeachtet lassen kann. Wir möchten etwas sagen zu jener
Wirklichkeit, die man heute oft als Volksfrömmigkeit bezeichnet.
Sowohl in jenen Gebieten, in denen die Kirche seit Jahrhunderten eingewurzelt
ist, als auch dort, wo sie im Begriff ist, Wurzel zu fassen, findet
man beim Volk besondere Ausdrucksformen des Glaubens und der Suche
nach Gott.
Lange Zeit wurden sie für minderwertig gehalten und abfällig beurteilt,
doch werden sie heute vielenorts neu entdeckt. Bei der letzten Synode haben
die Bischöfe mit pastoralem Realismus und bemerkenswerter Eindringlichkeit
deren tieferen Sinn deutlich gemacht.
Die Volksfrömmigkeit, so kann man sagen, hat gewiß ihre Grenzen. Oft ist
sie dem Eindringen von so manchen religiösen Fehlformen ausgesetzt,
auch dem Aberglauben. Häufig bleibt sie auf der Ebene kultischer Handlungen,
ohne zu einem echten Akt des Glaubens zu führen.
Ist sie aber in der rechten Weise ausgerichtet, vor allem durch hinführende
und begleitende Evangelisierung, dann birgt sie wertvolle Reichtümer in
sich. In ihr kommt ein Hunger nach Gott zum Ausdruck, wie ihn nur die
Einfachen und Armen kennen. Sie befähigt zur Großmut und zum Opfer,
ja zum Heroismus, wenn es gilt, den Glauben zu bekunden. In ihr zeigt
sich ein feines Gespür für tiefe Eigenschaften Gottes: seine Vaterschaft,
seine Vorsehung, seine ständige, liebende Gegenwart. Sie führt zu inneren
Haltungen, die man sonst kaum in diesem Maße findet: Geduld, das Wissen
um die Notwendigkeit, das Kreuz im täglichen Leben zu tragen, Entsagung,
Wohlwollen für andere, Respekt. Darum nennen Wir sie gern
Volksfrömmigkeit, das heißt Religion des Volkes, anstatt Religiosität.
Allen, welche der Herr zu Leitern kirchlicher Gemeinschaft bestellt hat,
muß die pastorale Liebe die Normen des Verhaltens gegenüber dieser
Wirklichkeit eingeben, die reich und gefährdet zugleich ist. Vor allem muß
man einfühlsam genug sein, ihre innere Vielfalt und ihre unleugbaren Werte
erkennen zu können, und bereit sein, dabei zu helfen, daß drohendes Abweichen
vom Weg vermieden wird. Gut ausgerichtet, kann die Volksfrömmigkeit
mehr und mehr für die vielen im Volk zu einer echten Begegnung
mit Gott in Jesus Christus werden.

V. Die Adressaten der Evangelisierung

Eine weltweite Bestimmung
49. Die letzten Worte Jesu im Evangelium nach Markus geben der Evangelisierung,
mit der der Herr die Apostel beauftragt, eine grenzenlose Universalität:
„Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet der gesamten
Schöpfung das Evangelium“73.
Die Zwölf und die erste Generation der Christen haben den Sinn dieser und
ähnlicher Worte gut verstanden; sie machten sie zu einem Programm für
ihr Handeln. Selbst die Verfolgung, durch welche die Apostel in die verschiedensten
Richtungen zerstreut wurden, hat dazu beigetragen, das Wort
Gottes auszusäen und die Kirche in immer entfernteren Gebieten einzupflanzen.
Daß Paulus mit seinem Charisma, den nichtjüdischen Heiden
die Ankunft Jesu Christi zu verkünden, in den Kreis der Apostel aufgenommen
wurde, unterstreicht noch einmal mehr diesen Universalismus.

Trotz aller Hindernisse
50. Im Laufe einer zweitausendjährigen Geschichte sahen sich die christlichen
Generationen in einzelnen Epochen mit den verschiedensten Hindernissen
gegen diese universale Mission konfrontiert. Auf der Seite der
Träger der Evangelisierung gab es die Versuchung, unter den verschiedensten
Vorwänden den Bereich des missionarischen Einsatzes einzuengen.
Auf der Seite derer, an die sich die Evangelisierung richtete, gab es oft
menschlich unüberwindbare Widerstände. Im übrigen müssen wir zu unserem
Schmerz feststellen, daß das Bemühen der Kirche um Evangelisierung
stark behindert, wenn nicht gar unmöglich gemacht wird durch öffentliche
Mächte. Selbst heute noch kommt es vor, daß die Verkünder des
Wortes ihrer Rechte beraubt sind, verfolgt, bedroht und ausgestoßen nur
deswegen, weil sie Jesus Christus und sein Evangelium predigen. Aber wir
haben Vertrauen, daß trotz dieser schmerzlichen Prüfungen das Wirken
dieser Glaubensboten schließlich in keinem Gebiet der Welt fehlen wird.
Trotz dieser Hindernisse folgt die Kirche stets aufs neue ihrem tiefsten Antrieb,
der unmittelbar von ihrem Meister stammt: in die ganze Welt . . . der
ganzen Schöpfung . . . bis an die Grenzen der Erde. Bei der Synode hat sich
die Kirche erneut dazu bekannt, daß man der Verkündigung des Evangeliums
keine Fesseln anlegen und sie nicht einengen darf auf einen bestimmen
Bereich der Menschheit, auf bestimmte Bevölkerungsschichten oder
auf nur eine Kulturform. Einige Beispiele können das beleuchten.

Erste Verkündigung an die Fernstehenden
51. Jesus Christus und sein Evangelium denen zu verkünden, die ihn noch
nicht kennen, ist seit dem ersten Pfingsttag das grundlegende Programm,
welches die Kirche, als von ihrem Gründer empfangen, sich zu eigen gemacht
hat. Das ganze Neue Testament, vor allem die Apostelgeschichte,
bezeugt für jene besondere Zeit und irgendwie exemplarisch diese missionarische
Anstrengung, die dann die ganze Geschichte der Kirche prägen
sollte.
Diese erste Verkündigung Jesu Christi geschieht in vielfältiger und unterschiedlicher
Weise, die man gelegentlich Prä-Evangelisierung nennt. Dabei
handelt es sich indes schon um wirkliche Evangelisierung, wenn auch
noch anfanghaft und sehr unvollkommen. Eine fast unbegrenzte Fülle von
Mitteln, gewiß die direkte Predigt, aber auch die Kunst, die Wissenschaft,
die philosophische Forschung und das berechtigte Ansprechen menschlicher
Gefühle und Sehnsüchte können diesem Ziel dienlich sein.

Erneute Verkündigung an die entchristlichte Welt
52. Wenn sich diese erste Verkündigung auch vornehmlich an jene richtet,
die von der Frohbotschaft Jesu noch nichts gehört haben, oder an Kinder,
so erweist sie sich in gleicher Weise immer notwendiger angesichts der
heute häufig zu beobachtenden Entchristlichung, und zwar für sehr viele,
die zwar getauft sind, aber gänzlich außerhalb eines christlichen Lebensraumes
stehen, dann für einfache Menschen, die zwar einen gewissen
Glauben haben, seine Grundlagen aber kaum kennen, ferner für Intellektuelle,
die das Bedürfnis spüren, Jesus Christus in einem anderen Licht
kennenzulernen als bei der Unterweisung in ihrer Kinderzeit, und schließlich
für viele andere.

Die nichtchristlichen Religionen
53. Diese erste Verkündigung wendet sich an die unübersehbar große Zahl
der Menschen, die nichtchristlichen Religionen angehören. Die Kirche respektiert
und schätzt die nichtchristlichen Religionen. Sie sind ja lebendiger
Ausdruck der Seele breitester Gruppen. In ihnen wird die Gottsuche
von Millionen deutlich, ein unvollkommenes Suchen, aber oft gelebt mit
großer Aufrichtigkeit und Lauterkeit des Herzens. Sie besitzen einen eindrucksvollen
Schatz tief religiöser Schriften. Zahllose Generationen von
Menschen haben sie beten gelehrt. In ihnen finden sich unzählbar viele
„Samenkörner des Wortes Gottes“74. Sie sind, um ein treffendes Wort des
Zweiten Vatikanischen Konzils aufzugreifen, das von Eusebius von Caesarea
stammt, eine echte „Vorbereitung auf das Evangelium“75. Eine solche
Situation wirft sicherlich vielschichtige und schwierige Fragen auf,
die es im Lichte der christlichen Tradition und des kirchlichen Lehramtes
zu prüfen gilt, um den Missionaren von heute und morgen neue Horizonte
für ihre Kontakte mit den nichtchristlichen Religionen zu geben. Wir wollen
besonders heute hervorheben, daß weder die Achtung und Wertschätzung
noch die Vielschichtigkeit der aufgeworfenen Fragen für die Kirche
eine Aufforderung darstellen können, eher zu schweigen als Jesus Christus
vor den Nichtchristen zu verkünden. Im Gegenteil, die Kirche ist der Auffassung,
daß diese vielen Menschen das Recht haben, den Reichtum des
Geheimnisses Christi76 kennenzulernen, worin, nach unserem Glauben, die
Menschheit in unerschöpflicher Fülle alles das finden kann, was sie suchend
und tastend über Gott, über den Menschen und seine Bestimmung,
über Leben und Tod und über die Wahrheit in Erfahrung zu bringen sucht.
Auch im Hinblick auf jene Äußerungen der Naturreligionen, die höchste
Wertschätzung verdienen, stützt die Kirche sich auf die Tatsache, daß die
Religion Jesu Christi, die sie durch die Evangelisierung vermittelt, den
Menschen, im objektiven Sinn, in die Verbindung mit dem Heilsplan Gottes,
mit seiner lebendigen Gegenwart, mit seiner Tätigkeit bringe. Die Kirche
läßt ihn so dem Geheimnis der göttlichen Vaterschaft begegnen, die
sich der Menschheit zuneigt. Mit anderen Worten: Unsere Religion stellt
tatsächlich eine echte und lebendige Verbindung mit Gott her, was den
übrigen Religionen nicht gelingt, auch wenn sie sozusagen ihre Arme zum
Himmel ausstrecken.
Darum ist die Kirche darauf bedacht, ihren missionarischen Elan lebendig
zu erhalten, ja ihn im geschichtlichen Augenblick unserer heutigen Zeit
noch zu verstärken. Sie spürt ihre Verantwortung angesichts ganzer Völker.
Sie kann nicht eher ruhen, als bis sie alles getan hat, um die Frohbotschaft
vom Erlöser Jesus Christus zu verkünden. Stets bildet sie neue
Generationen von Glaubensboten heran. Das stellen Wir mit Freude fest
gerade in einem Augenblick, da es nicht an solchen fehlt, die denken oder
sogar sagen, der apostolische Eifer und Elan seien erloschen und die Entsendung
von Missionaren gehöre nun der Vergangenheit an. Die letzte
Synode hat darauf die Antwort gegeben, daß die missionarische Verkündigung
nicht aufhören werde und die Kirche stets auf die Erfüllung dieses
Auftrags bedacht bleibe.

Glaubenshilfe für die Gläubigen
54. Indes läßt die Kirche auch nicht nach in der unermüdlichen Sorge für
jene, welche den Glauben bereits empfangen haben und oft schon seit
Generationen Verbindung mit dem Evangelium haben. Da sucht sie den
Glauben derer, die man schon Gläubige nennt, zu vertiefen, zu festigen, zu
stärken und immer noch reifer zu machen, damit sie noch lebendiger glauben.
Dieser Glaube ist heute fast immer mit der Säkularisierung, ja sogar mit
dem militanten Atheismus konfrontiert: es ist ein Glaube, der Prüfungen
und Gefahren ausgesetzt ist; mehr noch, ein Glaube, der angegriffen und
bekämpft wird. Er droht erstickt oder ausgezehrt zu werden, wenn er nicht
täglich genährt und gestützt wird. Die Evangelisierung muß sehr häufig
darin bestehen, dem Glauben der Gläubigen diese notwendige Nahrung
und Stärkung zuteil werden zu lassen, insbesondere durch eine katechetische
Unterweisung, die ganz erfüllt ist vom echten Geist des Evangeliums
und in ihrer Sprache der Zeit und den Menschen angepaßt ist.
Die katholische Kirche schaut gleichermaßen mit lebhafter Sorge auf jene
Christen, die nicht in voller Gemeinschaft mit ihr leben: Obwohl sie mit
ihnen für die von Christus gewollte Einheit arbeitet, um, klar gesagt, die
Einheit in der Wahrheit zu verwirklichen, ist sie sich bewußt, daß sie in
schwerwiegender Weise ihre Pflicht vernachlässigen würde, gäbe sie nicht
bei ihnen Zeugnis von der Fülle der Offenbarung deren Glaubensschatz sie
hütet.

Die Nichtglaubenden
55. Bezeichnend ist auch die Besorgnis, die auf der genannten Synode
spürbar wurde, im Hinblick auf zwei Bereiche, die zwar untereinander
sehr verschieden sind, sich aber gleichen angesichts der Herausforderung,
die beide je auf ihre Weise für die Evangelisierung bilden.
Der erste Bereich ist das, was man das Anwachsen des Unglaubens in der
modernen Welt nennen kann. Die Synode hat sich darum bemüht, diese
moderne Welt zu beschreiben. Was verbirgt sich nicht alles hinter dieser
allgemeinen Bezeichnung: welche geistigen Strömungen, Werte und Unwerte,
verborgene Sehnsüchte oder Keime von Zerstörung, alte Überzeugungen,
die verschwinden, und neue Überzeugungen, die sich aufdrängen.
Aus geistlicher Sicht gesehen, scheint die moderne Welt stets verstrickt zu
sein in das, was ein Autor unserer Zeit „das Drama des atheistischen
Humanismus“77 genannt hat.
Auf der einen Seite muß man inmitten dieser modernen Welt eine Erscheinung
feststellen, durch die sie beinahe am treffendsten charakterisiert ist:
die Säkularisierung. Wir meinen damit nicht das Weltlicher-Werden der
Welt, ein in sich richtiges, berechtigtes und niemals im Widerspruch zum
Glauben und zur Religion stehendes Bestreben, in der Schöpfung, in jedem
Ding und Ereignis des Universums jene Gesetze zu entdecken, von
denen sie in einer bestimmten Autonomie beherrscht werden, und zwar aus
der inneren Überzeugung heraus, daß diese Gesetze vom Schöpfer in die
Dinge hineingelegt sind. In diesem Sinn hat das letzte Konzil die berechtigte
Autonomie der Kultur und insbesondere der Wissenschaften bekräftigt78.
Hier geht es uns jedoch um die eigentliche Säkularisierung, nämlich
jene Auffassung von der Welt, derzufolge sie sich ganz aus sich selbst erklärt,
ohne daß es eines Rückgriffs auf Gott bedürfte; Gott wird überflüssig,
zu einem Störfaktor. Um der Macht des Menschen zur Anerkennung
zu verhelfen, endet die Säkularisierung damit, sich über Gott hinwegzusetzen
und ihn schließlich vollends zu leugnen.
Daraus scheinen neue Formen des Atheismus hervorzugehen – ein allein
um den Menschen kreisender Atheismus, nicht mehr abstrakt und metaphysisch,
sondern pragmatisch, programmatisch und militant. Im Zusammenhang
mit dieser atheistischen Säkularisierung empfiehlt man uns täglich
in den verschiedensten Formen eine Zivilisation des Konsums, den
sinnenhaften Genuß als den höchsten Wert, den Willen nach Macht und
Beherrschung und Diskriminierungen jeglicher Art. Wieviel unmenschliche
Bestrebungen stecken in diesem sogenannten Humanismus.
Andererseits läßt sich paradoxerweise nicht leugnen, daß es in derselben
modernen Welt christliche Anknüpfungspunkte gibt, echte Werte des
Evangeliums, wenigstens in der Form eines Gefühls der Leere oder eines
sehnsüchtigen Suchens. Es ist wohl nicht übertrieben, von einem mächtigen
und zugleich tragischen Ruf nach Evangelisierung zu sprechen.

Die Nichtpraktizierenden
56. Ein zweiter Bereich: das sind die Nichtpraktizierenden, eine heute
große Zahl von Getauften, die vielfach ihre Taufe nicht ausdrücklich verleugnen,
sie aber als Nebensache betrachten und nicht leben. Daß es Nichtpraktizierende
gibt, ist eine sehr alte Erscheinung in der Geschichte des
Christentums; das gehört zu einer natürlichen Schwäche, zu dem tiefen
Widerstreit, der leider unser Innerstes durchzieht. Aber sie nimmt heute
neue Formen an. Die Gründe dafür liegen häufig in einer für unsere Zeit
typischen Entwurzelung. Ein weiterer Grund liegt darin, daß die Christen
heute Seite an Seite mit den Nichtglaubenden leben und ständig die Rückwirkungen
des Unglaubens zu spüren bekommen. Mehr als früher suchen
Nichtpraktizierende ihre Position dadurch zu erklären und zu rechtferti-
gen, daß sie sich auf ein religiöses Inneres, auf die Eigenverantwortung
oder auf persönliche Echtheit berufen. Atheisten und Ungläubige auf der
einen Seite und Nichtpraktizierende auf der anderen bilden für die Evangelisierung
Hindernisse, die sich nicht übersehen lassen. Bei den ersteren
ist es das Hindernis einer bestimmten Verweigerung, die Unfähigkeit, die
neue Ordnung der Dinge, den neuen Sinn der Welt, des Lebens und der Geschichte
wahrzunehmen, was hingegen nur möglich ist, wenn man vom
Absoluten, von Gott ausgeht. Bei den anderen ist es das Hindernis der
Trägheit, die irgendwie feindselige Haltung von jemandem, der sich im eigenen
Hause sicher fühlt, der behauptet, alles zu kennen, alles genossen zu
haben und an nichts mehr zu glauben.
Atheistische Säkularisierung und das Fehlen religiöser Praxis finden sich
bei Erwachsenen und Jugendlichen, bei der Elite und im breiten Volk, in
allen kulturellen Schichten sowie in den alten und jungen Kirchen. Das
evangelisierende Wirken der Kirche kann diese beiden Welten nicht unbeachtet
lassen oder vor ihnen haltmachen; sie muß beständig nach den geeigneten
Mitteln und der entsprechenden Sprache suchen, um die Offenbarung
Gottes und den Glauben an Jesus Christus auch dorthin zu tragen
oder erneut zu verkünden.

Verkündigung an alle Menschen
57. Wie Christus zur Zeit seiner Verkündigung und die Zwölf am ersten
Pfingsttag, so sieht sich auch die Kirche einer unzählbaren Menge von
Menschen gegenüber, die des Evangeliums bedürfen, ja ein Recht darauf
haben; denn Gott „will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis
der Wahrheit gelangen“79.
Im Bewußtsein ihrer Pflicht, allen das Heil zu verkünden, und im Wissen
darum, daß die Botschaft des Evangeliums nicht einer kleinen Gruppe von
Eingeweihten, Privilegierten oder Auserwählten vorbehalten, sondern für
alle bestimmt ist, macht sich die Kirche die teilnehmende Sorge des Herrn
um die umherirrenden und entkräfteten Volksmengen, die „wie Schafe
ohne Hirten“ sind, zu eigen und greift immer wieder sein Wort auf: „Diese
Menschen tun mir leid“80. Die Kirche weiß aber auch, daß sie, um das
Evangelium wirksam zu verkünden, ihre Botschaft an Gemeinschaften von
Gläubigen mitten im breiten Volk richten muß, deren Einsatz dann wieder
andere erreichen kann und muß.

Kirchliche Basisgemeinschaften
58. Die letzte Synode hat sich sehr mit den kleinen Gemeinschaften oder
„Basisgemeinschaften“ befaßt, denn in der Kirche von heute ist häufig von
ihnen die Rede. Was sind sie und warum sollten sie in besonderer Weise
Adressaten der Evangelisierung und zugleich auch deren Träger sein?
Den verschiedenen Äußerungen bei der Synode zufolge entstehen sie heute
fast überall in der Kirche. Doch bestehen zwischen den einzelnen Gemeinschaften
große Unterschiede nicht nur von Region zu Region, sondern
sogar innerhalb ein und derselben Region. In manchen Gebieten entstehen
und entfalten sie sich ausnahmslos innerhalb der Kirche, eng an
ihrem Leben teilnehmend, gestärkt durch ihre Unterweisung und ihren
Hirten verbunden. In diesen Fällen entstehen sie aus dem Bedürfnis heraus,
das Leben der Kirche noch intensiver zu leben, oder aus dem Wunsch
und dem Suchen nach einer persönlicheren Atmosphäre, die die großen
Gemeinden nur schwer bieten können, zumal in den heutigen Großstädten
mit ihrer steigenden Tendenz zu einem anonymen Leben in der Masse. Ansetzend
bei einer kleinen soziologischen Gemeinschaft, einem Dorf oder
etwas anderem, können sie je nach ihrer Art ganz einfach weiterbauen auf
der geistigen und religiösen Ebene – Liturgie, Vertiefung des Glaubens,
brüderliche Liebe, Gebet, Verbindung mit den Seelsorgern. Oder sie wollen,
um das Wort Gottes zu hören und zu meditieren, die Sakramente zu
empfangen oder die Agape zu feiern, Gruppen versammeln, die nach Alter,
Bildung, Stand oder sozialer Lage in sich einheitlich sind, etwa Ehepaare,
Jugendliche, bestimmte Berufsgruppen usw., oder Menschen, die
im Leben ohnehin schon einander verbunden sind im Kampf für die Gerechtigkeit,
in der brüderlichen Hilfe für die Armen, in der Förderung des
Menschen. Oder sie versammeln die Gläubigen dort, wo der Mangel an
Priestern ein normales Gemeindeleben nicht zuläßt. Alles dies gilt für die
kleinen Gemeinschaften innerhalb der Kirche, vor allem der Ortskirchen
und Pfarreien.
In anderen Gebieten hingegen bilden sich Basisgemeinschaften in einem
Geist scharfer Kritik an der Kirche, die sie gern als „institutionell“ brandmarken;
im Gegensatz zu ihr wollen sie charismatische Gemeinschaften
sein, frei von Strukturen und nur vom Evangelium her lebend. Bezeichnend
für sie ist also eine offenkundige Haltung der Kritik und Ablehnung
gegenüber kirchlichen Formen, ihrer Hierarchie und ihrer Zeichen. Sie
stellen diese Kirche radikal in Frage. In diesem Zusammenhang wird das
sie tragende Gedankengut sehr schnell zu einer Ideologie, und es ist höchst
selten, daß sie nicht schon bald Opfer einer politischen Richtung, einer be-
stimmten Strömung, eines Systems oder gar einer Partei werden, mit dem
ganzen damit verbundenen Risiko, deren Instrument zu werden.
Der Unterschied ist schon deutlich. Die Gemeinschaften, die sich durch
ihren Geist der Kontestation von der Kirche trennen und deren Einheit verletzen,
können sich wohl als „Basisgemeinschaften“ bezeichnen, aber nur
in einem ausschließlich soziologischen Sinne. Ohne die Sprache zu
mißbrauchen, können sie sich aber nicht als kirchliche Basisgemeinschaften
bezeichnen, selbst wenn sie behaupten, trotz ihrer Gegnerschaft zur
Hierarchie in der Einheit der Kirche bleiben zu wollen. Der Name „kirchliche
Basisgemeinschaften“ kommt nur jenen zu, die sich innerhalb der
Kirche bilden, um in der Einheit der Kirche zu stehen und zum Wachstum
der Kirche beizutragen.
Diese letzteren Gemeinschaften sind ein Ort der Evangelisierung zum
Wohl größerer Gemeinschaften, insbesondere der Ortskirchen. Und sie
sind, wie Wir am Schluß der genannten Synode sagten, eine Hoffnung für
die universale Kirche in dem Maße, als sie:
– vom Wort Gottes her zu leben suchen und nicht einer politischen Polarisierung
oder modischen Ideologien erliegen, wobei ihr großes
menschliches Potential mißbraucht würde,
– die stets drohende Versuchung zu systematischer Kontestation und überzogener
Kritik, die unter dem Vorwand der Echtheit und des Geistes der
Zusammenarbeit erfolgen, klar meiden,
– fest verbunden bleiben mit der Ortskirche, in die sie sich eingliedern,
und mit der universalen Kirche, damit sie nicht der allzu bedrohlichen
Gefahr erliegen, sich in sich selbst abzukapseln, dann sich selbst für die
einzige echte Kirche Christi zu halten und schließlich die anderen kirchlichen
Gemeinschaften zu verurteilen,
– den Hirten, die der Herr seiner Kirche gibt, und dem Lehramt, das der
Geist Christi diesen verliehen hat, aufrichtig verbunden zu bleiben;
– sich niemals für den einzigen Adressaten oder Träger der Evangelisierung
oder gar für den einzigen Hüter des Evangeliums halten, sondern
im Wissen darum, daß die Kirche sehr viel weiter und vielfältig ist, innerlich
annehmen, daß Kirche auch anders als durch sie Wirklichkeit
wird;
– täglich im missionarischen Geist und Eifer, in missionarischer Einsatzbereitschaft
und Ausstrahlungskraft wachsen;
– sich in allem dem Ganzen verpflichtet fühlen und niemals sektiererisch
werden.
Sind diese Bedingungen, die gewiß Anforderungen stellen, aber doch auch
Hilfe bieten, erfüllt, dann werden die kirchlichen Basisgemeinschaften
ihrer eigentlich grundlegenden Berufung gerecht: als Hörer des ihnen verkündeten
Evangeliums und als bevorzugte Adressaten der Evangelisierung
werden sie dann ihrerseits unverzüglich zu Verkündern des Evangeliums.

VI. Die Träger der Evangelisierung

Die ganze Kirche missionarisch ausgerichtet
59. Wenn Menschen in der Welt das Evangelium des Heiles verkünden, so
geschieht dies im Auftrag, im Namen und mit der Gnade Christi, des Erlösers.
„Wie soll jemand verkündigen, wenn er nicht gesandt ist?“81, so
schrieb derjenige, der zweifellos einer der größten Glaubensboten war.
Niemand kann also den Glauben verkünden, ohne gesandt zu sein.
Aber wer ist nun mit der Evangelisierung beauftragt?
Das Zweite Vatikanische Konzil hat klar geantwortet: „Die Kirche hat
kraft göttlicher Sendung die Pflicht, in die ganze Welt zu gehen, um das
Evangelium allen Geschöpfen zu verkündigen“82. In einem anderen Dokument
heißt es: „Die ganze Kirche ist missionarisch, und das Werk der
Evangelisierung ist eine Grundpflicht des Gottesvolkes“83.
Wir haben auf diese innige Verbindung zwischen Kirche und Evangelisierung
schon hingewiesen. Da die Kirche das Reich Gottes verkündet
und aufbaut, pflanzt sie sich selber inmitten der Welt ein als Zeichen und
Werkzeug dieses Reiches, das zugleich da ist und kommt. Das Konzil hat
ein sehr bezeichnendes Wort angeführt, das der hl. Augustinus über die
Missionstätigkeit der Zwölf gesagt hat: „Sie verkünden das Wort der
Wahrheit und riefen Kirchen ins Leben“84.

Ein zutiefst kirchliches Tun
60. Sendung und Auftrag der Kirche zur Evangelisierung der Welt müßten
in uns eine doppelte Überzeugung begründen.
Zunächst: Evangelisieren ist niemals das individuelle und isolierte Tun
eines einzelnen, es ist vielmehr ein zutiefst kirchliches Tun. Auch der einfachste
Prediger, Katechist oder Seelsorger, der im entferntesten Winkel
der Erde das Evangelium verkündet, seine kleine Gemeinde um sich sammelt
oder ein Sakrament spendet, vollzieht, selbst wenn er ganz allein ist,
einen Akt der Kirche. Sein Tun ist durch institutionelle Beziehungen, aber
auch durch unsichtbare Bande und die verborgenen Wurzeln der Gnadenordnung
eng verbunden mit der Glaubensverkündigung der ganzen Kirche.
Dies setzt voraus, daß er nicht auf Grund einer Sendung, die er sich selber
zuschreibt, oder auf Grund einer persönlichen Anregung tätig ist, sondern
in Verbindung mit der Sendung der Kirche und in ihrem Namen.
Von da aus ergibt sich die zweite Überzeugung: wenn jeder das Evangelium
im Namen der Kirche verkündet, die es ihrerseits im Auftrag des Herrn
tut, dann ist kein Verkünder des Evangeliums absoluter Herr seiner Glaubensverkündigung
so daß er darüber selbst nach seinen persönlichen Maßstäben
und Ansichten entscheiden könnte. Er muß es vielmehr tun in Gemeinschaft
mit der Kirche und ihren Hirten.
Die ganze Kirche ist Träger der Evangelisierung, wie Wir sagten. Das bedeutet,
daß die Kirche sich für die ganze Welt und jeden Teil der Welt, wo
sie sich befindet, an den Auftrag gebunden fühlt, das Evangelium zu verbreiten.

Die Perspektive der Gesamtkirche
61. An diesem Punkt unserer Überlegungen möchten Wir nun mit euch,
liebe Brüder, Söhne und Töchter, bei einer Frage verweilen, die in unseren
Tagen besonders wichtig geworden ist.
Die ersten Christen gaben bei ihrer Liturgiefeier, in ihrem Zeugnis vor den
Richtern und Henkern und in ihren apologetischen Schriften gern ihrem
tiefen Glauben an die Kirche dadurch Ausdruck, daß sie diese als im
ganzen Universum ausgebreitet hinstellten. Sie waren sich voll bewußt,
einer großen Gemeinschaft anzugehören, der weder Raum noch Zeit Grenzen
setzen konnten: „vom gerechten Abel bis zum letzten Auserwählten“
85, „bis ans Ende der Zeiten“87. So hat der Herr seine Kirche gewollt:
universal, als großen Baum, in dessen Zweigen die Vögel des Himmels
wohnen88, als Netz, das alle Arten von Fischen fängt89 oder das Petrus ans
Land zieht, voll mit 153 großen Fischen90, als Herde, die ein einziger Hirte
auf die Weide führt91. Die universale Kirche ist ohne Schranken und
Grenzen, außer denen, die Herz und Geist des sündigen Menschen leider
setzen.

Die Perspektive der Teilkirche
62. Dennoch nimmt diese universale Kirche in den Teilkirchen konkrete
Gestalt an, die ihrerseits aus einer bestimmten Menschengruppe bestehen,
die eine bestimmte Sprache sprechen, einem kulturellen Erbe verbunden
sind, einer Weltanschauung, einer geschichtlichen Vergangenheit und
einer bestimmten Ausformung des Menschlichen. Offenheit für die Reichtümer
der Teilkirche trifft beim Menschen unserer Zeit auf besondere
Empfänglichkeit.
Aber hüten wir uns wohl davor, die universale Kirche aufzufassen als die
Summe oder gleichsam einen mehr oder weniger lockeren Zusammenschluß
von wesentlich verschiedenen Teilkirchen. Im Denken des Herrn ist
es die nach Berufung und Sendung universale Kirche, die in verschiedenen
Kulturräumen, sozialen und menschlichen Ordnungen Wurzeln schlägt
und dabei in jedem Teil der Welt verschiedene Erscheinungsweisen und
äußere Ausdrucksformen annimmt.
Daher würde jede Teilkirche, die sich freiwillig von der universalen Kirche
trennen würde, ihre Beziehung zum Heilsplan Gottes verlieren; sie
würde in ihrer kirchlichen Dimension verarmen. Andererseits würde eine
auf dem ganzen Erdkreis verbreitete Kirche zur Abstraktion, wenn sie
nicht eben durch die Teilkirchen Gestalt und Leben gewinnt. Nur die ständige
Beachtung beider Aspekte der Kirche wird uns den Reichtum dieser
Beziehung zwischen universaler Kirche und Teilkirchen erfassen lassen.

Anpassung und Treue in der Sprache
63. Die wahrhaft eingewurzelten Teilkirchen, die sich sozusagen verschmolzen
haben mit den Menschen, aber auch mit den Wünschen,
Reichtümern und Grenzen, mit der Art zu beten, zu lieben, Leben und Welt
zu betrachten, wie sie für eine bestimmte Menschengruppe charakteri-
stisch sind, haben die Aufgabe, das Wesentliche der Botschaft des Evangeliums
sich tief zu eigen zu machen und es ohne den geringsten Verrat an
seiner wesentlichen Wahrheit in eine Sprache zu übersetzen, die diese
Menschen verstehen, um es dann in dieser Sprache zu verkünden.
Diese Übertragung muß mit Unterscheidungskraft, Ernst, Respekt und
Fachkenntnis geschehen, wie die Sache es verlangt, im Bereich der liturgischen
Ausdrucksformen92; es gilt aber auch für die Katechese, die theologische
Formulierung, die untergeordneten kirchlichen Strukturen und
die Dienstaufgaben. „Sprache“ aber darf hier weniger im semantischen
oder literarischen Sinn aufgefaßt werden, sondern vielmehr anthropologisch
und kulturell.
Die Frage ist zweifellos schwierig. Die Evangelisierung verliert viel von
ihrer Kraft und Wirksamkeit, wenn sie das konkrete Volk, an das sie sich
wendet, nicht berücksichtigt und nicht seine Sprache, seine Zeichen und
Symbole verwendet, nicht auf seine besonderen Fragen antwortet und sein
konkretes Leben nicht einbezieht. Aber andererseits kann die Evangelisierung
auch ihre Seele verlieren und innerlich leer werden, wenn man unter
dem Vorwand, sie zu übersetzen, sie aushöhlt oder verfälscht; wenn man,
um eine universale Wirklichkeit an Ortsverhältnisse anzupassen, diese
Wirklichkeit selber opfert und die Einheit zerstört, ohne die es keine Universalität
mehr gibt. Tatsächlich vermag nur eine Kirche, die sich ihrer
Universalität bewußt ist, eine Botschaft anzubieten, die über die regionalen
Grenzen hinweg von allen gehört werden kann.
Die rechtmäßige Berücksichtigung der Teilkirchen kann für die Kirche nur
Reichtum bedeuten. Sie ist daher unerläßlich und dringlich. Sie entspricht
den tiefsten Wünschen der Völker und menschlichen Gemeinschaften, die
immer mehr ihre Eigengestalt finden möchten.

Öffnung zur Gesamtkirche
64. Diese Bereicherung setzt aber voraus, daß die Teilkirchen ihr tiefes
Offensein für die universale Kirche beachten. Es ist im übrigen bemerkenswert,
daß gerade die einfachsten, am meisten dem Evangelium verbundenen
Christen, die zugleich den wahren Sinn für die Kirche gewonnen
haben, ganz spontan auf diese universale Dimension der Kirche ansprechen.
Sie empfinden instinktiv und sehr stark deren Notwendigkeit und erkennen
sich darin leicht wieder. Sie zittern mit der Kirche und leiden in
ihrem tiefsten Inneren, wenn man sie im Namen von Theorien, die sie nicht
verstehen, nötigen möchte, sich auf eine Kirche ohne diese Universalität
einzustellen, auf eine lediglich regionale Kirche ohne Horizont.
Wie die Geschichte ferner aufweist, sind Teilkirchen jedesmal, wenn sie
sich von der universalen Kirche und ihrem lebendigen und sichtbaren
Zentrum losgelöst haben – zuweilen mit den besten Absichten, mit guten
theologischen, soziologischen, politischen oder seelsorglichen Gründen
oder auch im Verlangen nach einer gewissen Bewegungs- oder Aktionsfreiheit
–, wenn überhaupt, dann nur sehr schwer zwei Gefahren entgangen,
die beide gleichermaßen bedrohlich sind: Einerseits besteht für sie die
Gefahr der Isolierung, die zum Austrocknen und bald zur Auflösung führt,
wobei sich dann die einzelnen Zellen ebenso voneinander trennen, wie sie
sich vom zentralen Kern getrennt haben. Auf der anderen Seite steht die
Gefahr, die Freiheit zu verlieren; denn getrennt vom Zentrum und den anderen
Kirchen, die ihr Kraft und Schwung gaben, findet eine Teilkirche
sich, alleingelassen, den verschiedensten Mächten ausgeliefert, die sie sich
dienstbar machen und sie ausbeuten möchten.
Je mehr eine Teilkirche durch solide Bande der Gemeinschaft mit der universalen
Kirche verbunden ist – in Liebe und Loyalität, offen für das Lehramt
des Petrus, in der Einheit im Gesetz des „Betens“, das zugleich das
„Gesetz des Glaubens“ ist, im Bemühen um Einheit mit allen anderen Kirchen,
die zur Gesamtheit gehören –, desto mehr wird diese Kirche fähig
sein, den Schatz des Glaubens in die berechtigte Verschiedenheit von Ausdruck
und Form des Glaubensbekenntnisses, von Gebet, Kult, Leben und
christlichem Verhalten, der Ausstrahlungskraft, überhaupt des Volkes, in
das sie sich einfügt, zu übertragen. Um so mehr wird sie auch wahrhaft im
Dienst der Evangelisierung stehen, d. h. fähig sein, in das universale Erbe
einzudringen, um dem eigenen Volk hieran Anteil zu geben wie auch der
universalen Kirche Erfahrung und Leben dieses Volkes zum Wohl aller zu
vermitteln.

Das unveränderliche Glaubensgut
65. Eben in diesem Sinn wollten Wir beim Abschluß der dritten Generalversammlung
der Synode ein klares Wort voll väterlicher Zuneigung sprechen
und die Rolle des Nachfolgers Petri als sichtbares, lebendiges und
dynamisches Prinzip der Einheit zwischen den Kirchen und damit der Uni-
versalität der einen Kirche erneut betonen93. Wir hoben ebenfalls die
schwere Verantwortung hervor, die Uns auferlegt ist, die Wir aber mit Unseren
Brüdern im Bischofsamt teilen, den Inhalt des katholischen Glaubens,
den der Herr den Aposteln anvertraut hat, unversehrt zu bewahren.
Wenn dieser Inhalt in alle Sprachen übertragen wird, darf er dabei weder
verändert noch verstümmelt werden. Wenn er mit den Symbolen, wie sie
jedem Volk eigen sind, geschmückt wird, wenn man ihn in theologischen
Ausdrucksformen darlegt, die auf die jeweiligen Kultur- und Sozialräume
und auch auf die verschiedenen Rassenunterschiede Rücksicht nehmen,
muß er doch Inhalt des katholischen Glaubens bleiben, so wie das kirchliche
Lehramt ihn übernommen hat und weitergibt.

Verschiedene Aufgaben
66. Die ganze Kirche ist daher zur Evangelisierung aufgerufen, und daher
finden sich in ihrem Innern verschiedene Aufgaben, die im Dienst der
Glaubensverkündigung zu erfüllen sind. Die Verschiedenheit der Dienste
innerhalb der Einheit der gleichen Sendung macht Reichtum und Schönheit
der Evangelisierung aus. Wir wollen diese Dienstaufgaben hier und im
folgenden nur kurz berühren.
Vor allem sei Uns zunächst der Hinweis darauf gestattet, mit welchem
Nachdruck der Herr im Evangelium den Aposteln die Verkündigung des
Wortes Gottes aufträgt. Er hat sie erwählt94, sie mehrere Jahre in vertrautem
Zusammensein gebildet95, eingesetzt96 und beauftragt97 als Zeugen
und bevollmächtigte Lehrer der Heilsbotschaft. Die Zwölf haben ihrerseits
ihre Nachfolger ausgesandt, die in der apostolischen Nachfolge die Frohbotschaft
bis heute verkünden.

Der Nachfolger Petri
67. Der Nachfolger des Petrus ist so nach dem Willen Christi in besonderer
Weise mit dem Dienstamt beauftragt, die geoffenbarte Wahrheit
zu lehren. Das Neue Testament zeigt uns Petrus oft „erfüllt vom Heiligen
Geist“, wie er im Namen aller das Wort ergreift98. Eben deswegen spricht
der hl. Leo der Große von ihm als demjenigen, der im Apostolat den ersten
Platz verdient99. Ferner zeigt auch die Stimme der Kirche den Papst „auf
der höchsten Stelle – in apice, in specula – des Apostolates“100. Das Zweite
Vatikanische Konzil wollte dies bekräftigen, indem es erklärte, der
„Auftrag Christi, aller Kreatur das Evangelium zu predigen (vgl. Mk 16,
15), gilt mit und unter Petrus zuerst und unmittelbar den Bischöfen“101.
Die volle, höchste und universale Gewalt102, die Christus seinem Stellvertreter
zur pastoralen Leitung seiner Kirche anvertraut, meint daher vor
allem den Auftrag des Papstes, sich aktiv zu bemühen, die Frohbotschaft
vom Heil zu predigen und predigen zu lassen.

Bischöfe und Priester
68. Vereint mit dem Nachfolger des Petrus, empfangen die Bischöfe als
Nachfolger der Apostel kraft ihrer Bischofsweihe die Vollmacht, innerhalb
der Kirche die geoffenbarte Wahrheit zu lehren. Sie sind die Lehrer des
Glaubens.
Den Bischöfen sind beim Dienst der Evangelisierung jene als in besonderer
Weise Verantwortliche zugesellt, die durch die Priesterweihe in
der Person Christi handeln103, und das sowohl als Erzieher des Volkes Gottes
im Glauben, als Prediger, wie besonders als Diener der Eucharistie und
der übrigen Sakramente.
Daher sind wir, die Hirten, aufgefordert, uns mehr als jedes andere Glied
der Kirche dieser Pflicht bewußt zu sein. Was die Einzigartigkeit unseres
priesterlichen Dienstes ausmacht, was die tausend Aufgaben, die uns Tag
für Tag und ein Leben lang bedrängen, im tiefsten eint, was unserem Wir-
ken ein besonderes Gepräge gibt, das ist dieses Grundanliegen, das bei jedem
Tun uns vor Augen steht, nämlich „das Evangelium Gottes zu verkünden“
104.
Hier kommt ein Wesensmerkmal zum Ausdruck, das durch keinen Zweifel
beeinträchtigt und durch keinen Einwand in Frage gestellt werden dürfte.
Als Hirten sind wir durch die Barmherzigkeit des obersten Hirten105 trotz
unseres Ungenügens erwählt, mit Vollmacht das Wort Gottes zu sammeln
und es zu nähren mit den Zeichen des Handelns Christi, wie es die Sakramente
sind, um es auf den Weg des Heiles zu führen, um es in dieser Einheit
zu erhalten, deren aktive und lebendige Werkzeuge wir auf verschiedenen
Ebenen sind, und um diese Gemeinschaft unablässig neu anzuregen,
die ihrer innersten Berufung gemäß um Christus versammelt ist. Und da
wir das alles nach dem Maß unserer menschlichen Grenzen und mit Gottes
Gnade vollziehen, ist es wirklich ein Werk der Evangelisierung, das wir
vollbringen, Wir als Hirt der universalen Kirche, Unsere Brüder im Bischofsamt
an der Spitze der Teilkirchen, die Priester und Diakone, mit
ihren Bischöfen, deren Mitarbeiter sie sind, durch eine Gemeinschaft verbunden,
die im Weihesakrament und in der Liebe der Kirche ihre Wurzeln
hat.

Ordensleute
69. Die Ordensleute finden ihrerseits in ihrem gottgeweihten Leben ein
besonderes Mittel wirksamer Evangelisierung. Durch ihr tiefstes Wesen
fügen sie sich in den Dynamismus der Kirche ein, ergriffen vom Absoluten,
das Gott ist, und zur Heiligkeit aufgerufen. Von dieser Heiligkeit geben
sie Zeugnis. Sie leben in konkreter Weise die Kirche, die danach trachtet,
der Unbedingtheit der Seligpreisungen zu entsprechen. Sie sind durch
ihr Leben ein Zeichen der gänzlichen Verfügbarkeit für Gott, die Kirche
und ihre Brüder und Schwestern.
Darin kommt ihnen besondere Bedeutung zu beim Gesamtzeugnis der Kirche,
das, wie Wir betont haben, vor allem in der Evangelisierung besteht.
Dieses stille Zeugnis der Armut und Entäußerung, der Reinheit und Transparenz,
der Hingabe im Gehorsam kann zugleich eine Herausforderung an
Welt und Kirche selbst werden, eine beredte Predigt, die sogar den Nichtchristen
guten Willens, die für gewisse Werte aufgeschlossen sind, nahegehen
kann.
In einer solchen Sicht kann man die Rolle ermessen, die bei der Evangelisierung
Ordensmänner und Ordensfrauen haben, die sich dem Gebet, dem
Schweigen, der Buße und dem Opfer geweiht haben. Eine sehr große Zahl
von anderen Ordensleuten stellen sich ganz in den direkten Dienst der Verkündigung
Christi. Ihre missionarische Tätigkeit ist natürlich von der
Hierarchie abhängig und muß mit der seelsorglichen Tätigkeit koordiniert
werden, die diese selbst entfaltet. Wer ist imstande, den gewaltigen Beitrag
zu messen, den die Ordensleute für die Evangelisierung geleistet haben
und immer noch leisten! Durch ihre Ganzhingabe im Ordensstand sind sie
im Höchstmaß frei und willens, alles zu verlassen und hinzugehen, um das
Evangelium zu verkünden bis an die Grenzen der Erde. Sie sind voll
Unternehmungsgeist, und ihr Apostolat ist oft von einer Originalität, von
einer Genialität gekennzeichnet, die Bewunderung abnötigen. Sie geben
sich ganz an ihre Sendung hin: Man findet sie oft an der vordersten Missionsfront,
und sie nehmen größte Risiken für Gesundheit und Leben auf
sich. Ja, wahrhaftig, die Kirche schuldet diesen Ordensleuten viel.

Laien
70. Die Laien, die ihrer besonderen Berufung gemäß ihren Platz mitten in
der Welt haben und die verschiedensten zeitlichen Aufgaben erfüllen,
müssen darin eine besondere Form der Evangelisierung vollziehen.
Ihre erste und unmittelbare Aufgabe ist nicht der Aufbau und die Entwicklung
der kirchlichen Gemeinschaft – hier liegt die besondere Aufgabe
der Hirten –, sondern sie sollen alle christlichen, vom Evangelium her
gegebenen Möglichkeiten, die zwar verborgen, aber dennoch in den Dingen
der Welt schon vorhanden sind und aktiv sich auswirken, verwirklichen.
Das eigentliche Feld ihrer evangelisierenden Tätigkeit ist die weite
und schwierige Welt der Politik, des Sozialen und der Wirtschaft, aber
auch der Kultur, der Wissenschaften und Künste, des internationalen Lebens
und der Massenmedien, ebenso gewisse Wirklichkeiten, die der
Evangelisierung offenstehen, wie Liebe, Familie, Kinder- und Jugenderziehung,
Berufsarbeit, Leiden usw. Je mehr vom Evangelium geprägte
Laien da sind, die sich für diese Wirklichkeiten verantwortlich wissen und
überzeugend in ihnen sich betätigen, sie mit Fachkenntnis voranbringen
und sich bewußt bleiben, daß sie ihre gesamte christliche Substanz, die oft
verschüttet und erstickt erscheint, einsetzen müssen, um so mehr werden
diese Wirklichkeiten, ohne etwas von ihrer menschlichen Tragweite zu
verlieren oder zu opfern, geradezu eine oft verkannte transzendente Dimension
offenbaren, in den Dienst der Erbauung des Reiches Gottes treten
und damit in den Dienst des Heiles in Jesus Christus.

Familie
71. Beim Apostolat der Laien muß unbedingt auch das evangelisierende
Wirken der Familie genannt werden. Sie hat sich in den verschiedenen
Abschnitten der Geschichte den schönen Namen einer „Hauskirche“106
verdient, den das Zweite Vatikanische Konzil erneut bekräftigt hat. Das
bedeutet, in jeder christlichen Familie müßten sich die verschiedenen
Aspekte der Gesamtkirche wiederfinden. Außerdem muß die Familie wie
die Kirche ein Raum sein, wo das Evangelium ins Leben übersetzt wird
und wo daher dieses Evangelium aufleuchtet. Im Schoß einer Familie, die
sich dieser Sendung bewußt ist, verkünden alle Familienmitglieder das
Evangelium, und es wird ihnen verkündet. Die Eltern vermitteln nicht nur
ihren Kindern das Evangelium, sie können dieses gleiche Evangelium
auch von ihnen empfangen, und zwar als tief gelebtes Evangelium. Eine
solche Familie wirkt auch verkündigend auf zahlreiche weitere Familien
und das Milieu, zu dem sie gehört.
Auch die Familien, die aus einer Mischehe hervorgegangen sind, haben die
Pflicht, ihren Kindern Christus zu verkünden mit allen aus der gemeinsamen
Taufe sich ergebenden Konsequenzen. Ferner haben sie die nicht
leichte Aufgabe, auf die Verwirklichung der Einheit hinzuwirken.

Jugend
72. Die Umstände legen uns an diesem Punkt eine besondere Aufmerksamkeit
für die Jugendlichen nahe. Ihre große Zahl und ihre wachsende
Präsenz in der Gesellschaft, die Probleme, mit denen sie ringen,
sollten alle zu dem Bemühen aufrufen, sie begeistert und klug zugleich das
Ideal des Evangeliums kennen und leben zu lehren. Im übrigen gilt natürlich,
daß die Jugendlichen, selbst im Glauben und im Gebet fest begründet,
immer mehr selber zu Aposteln für die Jugend werden müssen. Die
Kirche zählt sehr auf diesen Beitrag, und auch wir selbst haben schon zu
wiederholten Malen Unser großes Vertrauen in sie zum Ausdruck gebracht.

Verschiedene Dienstämter
73. Die aktive Präsenz der Laien innerhalb der irdischen Wirklichkeiten
erhält somit ihre volle Bedeutung. Dennoch darf man nicht die andere Dimension
vernachlässigen oder vergessen: die Laien können sich auch berufen
fühlen oder berufen werden zur Mitarbeit mit ihren Hirten im Dienst
der kirchlichen Gemeinschaft, für ihr Wachstum und ihr volles Leben. Sie
können dabei sehr verschiedene Dienstaufgaben übernehmen, ja nach der
Gnade und den Charismen, die der Herr ihnen jeweils schenkt.
Mit großer innerer Freude sehen Wir vor Uns die unübersehbare Zahl der
Hirten, Ordensleute und Laien, die ihren Auftrag zur Evangelisierung begriffen
haben und immer besser geeignete Wege suchen, das Evangelium
wirksam zu verkündigen. Wir ermutigen die Öffnung, die die Kirche auf
diesem Gebiet heute vorgenommen hat. Sie öffnet sich nicht nur neuen
Einsichten, sondern auch neuen kirchlichen Diensten, die dazu beitragen
können, die der Kirche eigene Dynamik in der Evangelisierung zu erneuern
und zu stärken. Neben den Dienstämtern, die eine Weihe erfordern und
durch die einige zu Hirten bestellt werden und sich in besonderer Weise
dem Dienst an der Gemeinschaft widmen, erkennt die Kirche sicher auch
die nicht an eine Weihe gebundenen Dienste an; diese müssen der Kirche
freilich einen besonderen Nutzen gewährleisten.
Ein Blick auf die Ursprünge der Kirche macht vieles klar und erlaubt, eine
alte Erfahrung bei den Dienstämtern aufzugreifen. Diese Erfahrung ist um
so wertvoller, weil sie es der Kirche erlaubte, zu wachsen, sich zu festigen
und auszubreiten. Dieses Hinschauen auf die Quellen muß freilich durch
eine andere Sicht ergänzt werden. es braucht auch den Blick auf die heutigen
Nöte der Menschheit und der Kirche. Aus diesen Quellen zu schöpfen,
die immer Anregung vermitteln, nichts von diesen Werten zu opfern und
es zu verstehen, sich den heutigen Bedürfnissen und Nöten anzupassen,
diese Grundsätze führen dazu, daß man in kluger Einsicht diejenigen Dienste
herausfindet und ins Licht rückt, die die Kirche braucht und die zugleich
von vielen ihrer Mitglieder gern aufgenommen werden, damit die
kirchliche Gemeinschaft möglichst große Lebendigkeit gewinnt.
Diese Dienstämter werden dann seelsorglich fruchtbar in dem Maße, wie
sie in voller Achtung vor der Einheit entstehen und den Richtlinien der
Hirten entsprechen, die für die Einheit der Kirche die verantwortlichen
Garanten sind.
Solche Ämter, die zwar neu in ihrer Erscheinungsform, aber doch sehr mit
den Erfahrungen zusammenhängen, die die Kirche im Laufe ihrer Geschichte
gemacht hat – z. B. das Amt des Katecheten, des Vorbeters, des
Vorsängers, der Christen, die sich zum Dienst am Wort Gottes oder zur
Hilfstätigkeit für den Bruder in Not bereitstellen, das Amt des Leiters kleiner
Gemeinschaften, des Verantwortlichen apostolischer Bewegungen
oder der übrigen verantwortlichen Leiter –, sind alle wertvoll für die Einpflanzung,
das Leben und Wachsen der Kirche, für die ihr eigene Fähigkeit,
in ihre Umgebung und bis hin zu den Fernstehenden auszustrahlen.
Wir schulden besondere Wertschätzung auch alle den Laien, die es auf sich
nehmen, einen Teil ihrer Zeit, ihrer Kraft und zuweilen ihr ganzes Leben
für die Arbeit in den Missionen zur Verfügung zu stellen.
Für alle, die in der Evangelisierung arbeiten, ist eine gediegene Ausbildung
unerläßlich. Sie ist noch notwendiger für jene, die sich in den Dienst
der Wortverkündigung stellen. Getrieben von der sich stets vertiefenden
Überzeugung von der Größe und dem Reichtum des Gotteswortes, müssen
diejenigen, die die Sendung erhalten haben, es weiterzugeben, besondere
Beachtung der Würde, dem Ausdruck und der Anpassung ihrer Sprechweise
schenken. Jeder weiß, daß die Kunst des Redens heute von großer
Bedeutung ist. Wie könnten dann Prediger und Katecheten sie vernachlässigen?
Es ist Unser ausdrücklicher Wunsch, daß die Bischöfe in ihren Teilkirchen
auf eine entsprechende Ausbildung all jener achten, die im Dienst
des Wortes stehen. Eine gediegene Vorbereitung wird in ihnen das Gefühl
der Sicherheit, aber auch die Begeisterung für die Verkündigung Jesu
Christi in unserer Zeit stärken.

VII. Der Geist der Evangelisierung

Dringender Aufruf
74. Dieses Gespräch mit euch, geliebte Mitbrüder, Söhne und Töchter,
möchten Wir nicht ohne einen dringenden Hinweis auf die innere Haltung
beschließen, die die Träger der Evangelisierung kennzeichnen muß.
Im Namen Jesu Christi und im Namen der Apostelfürsten Petrus und Paulus
ermahnen Wir alle diejenigen, die dank der Charismen des Heiligen
Geistes und im Auftrag der Kirche echte Verkünder des Wortes Gottes
sind, dieser Berufung würdig zu sein, sie auszuüben, ohne sich von Zweifel
oder Furcht beeinträchtigen zu lassen, die Voraussetzungen nicht zu
übersehen, welche die Evangelisierung nicht nur möglich, sondern auch
wirksam und fruchtbar machen. Unter vielen anderen wollen Wir folgende
grundlegende Voraussetzungen hervorheben.

In der Kraft des Heiligen Geistes
75. Ohne das Wirken des Heiligen Geistes wird die Evangelisierung niemals
möglich sein. Auf Jesus von Nazaret kommt der Heilige Geist bei der
Taufe herab, als die Stimme des Vaters mit den Worten „Du bist mein geliebter
Sohn; an dir habe ich mein Wohlgefallen“107 vernehmbar seine Auserwählung
und Mission offenbart. „Vom Geiste geführt“, durchlebt er in
der Wüste die entscheidende Auseinandersetzung und letzte Prüfung vor
Beginn dieser Sendung108. „In der Kraft des Geistes kehrt er nach Galiläa
zurück“109 und setzt in Nazaret den Anfang seiner Predigt, indem er auf
sich selbst die Jesaja-Stelle anwendet: „Der Geist des Herrn ruht auf mir“.
„Heute“, so verkündet er, „hat sich dieses Schriftwort vor euren Ohren erfüllt“
110. Bei der Sendung der Jünger hauchte er sie an und sprach: „Empfanget
den Heiligen Geist“111.
Erst nachdem der Heilige Geist am Pfingstfest auf sie herabgekommen
war, brachen die Apostel zu den Grenzen der Erde auf, um mit dem großen
Evangelisierungswerk der Kirche zu beginnen. Petrus deutet dieses Ereignis
als die Verwirklichung der Weissagung des Joël: „Ich werde meinen
Geist ausgießen“112. Petrus ist vom Heiligen Geiste erfüllt, um vor dem
Volk von Jesus, dem Sohne Gottes, zu sprechen113. Auch Paulus wird „vom
Heiligen Geiste erfüllt“114, ehe er sich dem Apostolischen Dienst hingibt;
ebenso Stephanus, als er für das Diakonat erwählt wird und später zum
Blutzeugnis115. Der Geist, der Petrus, Paulus oder die Zwölf sprechen läßt
und ihnen die Worte eingibt, die sie verkünden sollen, kommt auch „auf
die, die das Wort hören“116, herab.
„Durch die Hilfe des Heiligen Geistes“ geschieht es, daß die Kirche
„wächst“117. Der Heilige Geist ist die Seele der Kirche. Er ist es, der den
Gläubigen den tiefen Sinn der Lehre Jesu und seines Geheimnisses erklärt.
Er ist derjenige, der heute wie in den Anfängen der Kirche in all jenen am
Werk ist, die das Evangelium verkünden und sich von ihm ergreifen und
führen lassen; er legt ihnen Worte in den Mund, die sie allein niemals finden
könnten, und bereitet zugleich die Seele des Hörers auf den Empfang
der Frohbotschaft und der Verkündigung des Gottesreiches vor.
Die Methoden der Evangelisierung sind sicher nützlich, doch können auch
die am meisten vervollkommneten unter ihnen das verborgene Wirken des
Heiligen Geistes nicht ersetzen. Ohne ihn richtet auch die geschickteste
Vorbereitung des Verkündigers nichts aus. Die eingängigste Dialektik
bleibt auf den Menschen wirkungslos ohne ihn. Ohne ihn erweisen sich
auch die höchstentwickelten soziologischen und psychologischen Methoden
als wert- und inhaltlos.
Wir erleben in der Kirche einen Zeitabschnitt, der in besonderer Weise
vom Geist gekennzeichnet ist. Überall sucht man ihn besser zu erkennen –
so, wie ihn die Schrift offenbart. Freudig schließt man sich seiner Bewegung
an. Man versammelt sich um ihn; man will sich von ihm führen
lassen. Wenn nun aber der Geist Gottes einen hervorragenden Platz im gesamten
Leben der Kirche einnimmt, so ist der Auftrag eben dieser Kirche,
das Evangelium zu verkünden, der eigentliche Bereich seines Wirkens.
Nicht von ungefähr vollzog sich der großartige Aufbruch zur Evangelisierung
am Pfingstmorgen unter dem Stürmen des Heiligen Geistes.
Man könnte sagen, der Heilige Geist ist der Erstbeweger der Evangelisierung:
er ist es, der jeden antreibt, das Evangelium zu verkünden, und er ist
es auch, der die Heilsbotschaft in den Tiefen des Bewußtseins annehmen
und verstehen läßt118. Doch könnte man genausogut sagen, er sei das Ziel
der Evangelisierung: er allein bewirkt die Neuschöpfung, die neue
Menschheit, zu der die Evangelisierung führen soll; Einheit in der Vielheit,
welche die Evangelisierung in der christlichen Gemeinschaft verwirklichen
will. Durch ihn dringt das Evangelium bis in das Innerste der Welt,
denn er ist es, der die Zeichen der Zeit – Zeichen Gottes – erkennen läßt,
welche die Evangelisierung entdeckt und innerhalb der Geschichte zur
Geltung bringt.
Die Bischofssynode von 1974, die ja die Bedeutung des Heiligen Geistes
in der Evangelisierung sehr hervorhob, hat auch dem Wunsch Ausdruck
verliehen, daß die Hirten und Theologen – und Wir würden sagen, auch die
durch die Taufe mit dem Siegel des Geistes bezeichneten Gläubigen – das
Wesen und die Weise des Wirkens des Heiligen Geistes in der heutigen
Evangelisierung noch besser erforschen sollten. Wir machen Uns diesen
Wunsch zu eigen und ermahnen zugleich die Träger der Evangelisierung,
wer immer sie auch seien, unablässig voller Glaube und Eifer den Heiligen
Geist zu erbitten und sich von ihm führen zu lassen als dem entscheidenden
Inspirator ihrer Pläne, ihrer Initiativen und ihrer Verkündigungstätigkeit.

Die Echtheit des Lebenszeugnisses
76. Betrachten wir nun die Person des Verkündigers selbst. Oft wird heute
gesagt, unser Jahrhundert verlange geradezu nach Echtheit. Besonders
von der Jugend sagt man, sie habe einen Abscheu vor allem Gekünstelten,
Unechten und suche vor allem Wahrheit und Transparenz.
Solche „Zeichen der Zeit“ sollten uns wachsam finden. Still oder in lautstarken
Ausbrüchen, immer aber voller Eindringlichkeit, fragt man uns:
Glaubt ihr wirklich an das, was ihr verkündet? Lebt ihr, was ihr glaubt?
Predigt ihr wirklich, was ihr lebt? Mehr denn je ist das Zeugnis des Lebens
eine wesentliche Bedingung für die Tiefenwirkung der Predigt geworden.
Durch diese enge Verbindung sind wir bis zu einem gewissen Grade verantwortlich
für den Erfolg des Evangeliums, das wir verkünden.
„Wie steht es mit der Kirche zehn Jahre nach dem Abschluß des Konzils?“-
so fragten Wir zu Beginn dieser Überlegungen. Ist sie im Herzen der Welt
verankert und dennoch frei und unabhängig genug, die Welt in Frage zu
stellen? Gibt sie Zeugnis von der Solidarität mit den Menschen und zugleich
vom Absolutheitsanspruch Gottes? Ist sie eifriger in der Betrachtung
und Anbetung, ist sie engagierter in der Mission, Caritas und Befreiung?
Setzt sie sich noch entschiedener für die Verwirklichung der vollkommenen
Einheit unter den Christen ein, die das gemeinsame Zeugnis
immer wirksamer macht, „damit die Welt glaube“119? Wir alle sind verantwortlich
für die Antworten, die man auf diese Fragen geben mag.
So mahnen Wir Unsere Mitbrüder im Bischofsamt, die vom Heiligen Geiste
mit der Leitung der Kirche Gottes betraut worden sind120. Wir ermahnen
die Priester und Diakone, Mitarbeiter der Bischöfe in der Aufgabe, das
Volk Gottes zu sammeln und die Ortsgemeinden geistlich zu betreuen. Wir
ermahnen die Ordensleute, Zeugen einer Kirche, die zur Heiligkeit berufen
ist; sie selbst sind dadurch eingeladen zu einem Leben, das von den Seligpreisungen
des Evangeliums Zeugnis ablegt. Wir ermahnen die Laien:
die christlichen Familien, die Jungen und die Erwachsenen, die Berufstäti-
gen, die Führungspersönlichkeiten; nicht zu vergessen die Armen, die oft
reich im Glauben und in der Hoffnung sind; alle Laien, die sich ihrer Rolle
als Träger der Evangelisierung im Dienst ihrer Kirche oder im Herzen
der Gesellschaft und der Welt bewußt sind. Ihnen allen sagen Wir: Es ist
unabdingbar, daß unser Verkündigungseifer aus einer echten Heiligkeit
unseres Lebens kommt, die aus dem Gebet und vor allem aus der Eucharistie
Kraft und Stärkung erhält, und daß – wie uns das Zweite Vatikanische
Konzil ans Herz legt – die Predigt ihrerseits den Prediger zu größerer Heiligkeit
führt121.
Eine Welt, die – so paradox es klingt – trotz unzähliger Zeichen der Ablehnung
Gottes ihn auf unerwarteten Wegen sucht und schmerzlich spürt,
daß sie seiner bedarf; eine solche Welt fordert Verkünder, die von einem
Gott sprechen, den sie kennen und der ihnen so vertraut ist, als sähen sie
den Unsichtbaren122. Die Welt verlangt und erwartet von uns Einfachheit
des Lebens, Sinn für das Gebet, Nächstenliebe gegenüber allen, besonders
gegenüber den Armen und Schwachen, Gehorsam und Demut, Selbstlosigkeit
und Verzicht. Ohne diese Zeichen der Heiligkeit gelangt unser Wort
nur schwer in die Herzen der Menschen unserer Zeit. Es läuft Gefahr hohl
und unfruchtbar zu sein.

Das Bemühen um Einheit
77. Die Kraft der Evangelisierung wird sehr geschwächt, wenn die Verkündiger
des Evangeliums unter sich durch vielfältige Spaltungen entzweit
sind. Ist das nicht eine der Hauptwurzeln des Unbehagens in der
heutigen Evangelisierung? Wenn in der Tat das von uns verkündete Evangelium
von Lehrstreitigkeiten, von ideologischen Gegensätzen oder von
gegenseitigen Verurteilungen unter Christen zerrissen erscheint, weil sie
unterschiedliche Auffassungen über Christus und die Kirche haben, ja und
dies sogar wegen unterschiedlicher Auffassungen von der Gesellschaft
und den vom Menschen geschaffenen Institutionen geschehen kann – wie
sollen dann die Empfänger unserer Verkündigung nicht verwirrt und auf
Irrwege geführt werden oder gar an dieser Verkündigung Ärgernis nehmen?
Das geistliche Testament des Herrn sagt uns, daß die Einheit der Gläubigen
nicht nur die Probe dafür ist, daß wir Christus angehören, sondern
auch der Beweis, daß er vom Vater gesandt ist: also Test der Glaubwürdigkeit
der Christen wie auch Christi selbst. Träger der Evangelisierung,
dürfen wir den an Christus Glaubenden nicht das Bild von zerstrittenen
und durch Fronten getrennten, keineswegs erbaulichen Menschen geben,
sondern das Bild von Persönlichkeiten, die im Glauben gereift und fähig
sind, einander jenseits aller konkreten Spannungen in der gemeinsamen,
aufrichtigen und lauteren Wahrheitssuche zu begegnen. Wirklich, das
Schicksal der Evangelisierung ist mit aller Bestimmtheit an das von der
Kirche gebotene Zeugnis der Einheit gebunden. Daraus ergibt sich Verantwortung,
aber auch Trost.
An dieser Stelle möchten Wir in einer besonderen Weise das Zeichen der
Einheit unter allen Christen noch eigens als Weg und Mittel der Evangelisierung
hervorheben. Die Spaltung der Christen ist ein so schwerwiegender
Umstand, daß dadurch das Werk Christi selbst in Mitleidenschaft
gezogen wird. Das Zweite Vatikanische Konzil stellt deutlich und nachdrücklich
fest, daß die Spaltung „für alle ein ernstes Vorurteil für die heilige
Sache der Verkündigung des Evangeliums darstellt und für viele den
Zugang zum Glauben verschließt“123.
Darum haben Wir es bei der Ankündigung des Heiligen Jahres für notwendig
erachtet, allen Gläubigen der katholischen Welt in Erinnerung zu
rufen, daß „die Versöhnung aller Menschen mit Gott, unserem Vater, von
der Wiederherstellung der Gemeinschaft mit jenen abhängt, die schon im
Glauben Jesus Christus als den Herrn der Barmherzigkeit erkannt und aufgenommen
haben, der die Menschen befreit und sie im Geiste der Liebe
und Wahrheit eint“124. Mit großer Hoffnung verfolgen Wir die Anstrengungen,
die in der ganzen christlichen Welt für die Wiederherstellung der
vollen, von Gott gewollten Einheit unternommen werden. Der hl. Paulus
versichert uns diesbezüglich: „Die Hoffnung aber kann nicht trügen“125.
Während Wir Uns noch darum bemühen, vom Herrn diese volle Einheit zu
erlangen, ist es Unser Wunsch, daß um so inständiger gebetet werde. Ferner
machen Wir Uns ein Anliegen der Väter der dritten Generalversammlung
der Bischofssynode zu eigen, daß man mit noch größerer Entschlossenheit
mit unseren Brüdern in Christus zusammenarbeitet, mit denen Wir
noch nicht in einer vollkommenen Gemeinschaft verbunden sind, indem
Wir Uns hierbei auf die Grundlage der Taufe und des Glaubensgutes stützen,
das Uns gemeinsam ist. Auf diese Weise legen Wir schon jetzt vor der
Welt im gleichen Werk der Evangelisierung ein noch umfassenderes gemeinsames
Zeugnis für Christus ab. Dazu drängt Uns der Auftrag Christi,
dies fordert von Uns die Pflicht, zu predigen und vom Evangelium Zeugnis
zu geben.

Im Dienst der Wahrheit
78. Das Evangelium, mit dem Wir betraut sind, ist auch Wort der Wahrheit.
Eine Wahrheit, die frei macht126 und die allein den Frieden des Herzens
vermittelt, das ist es, was die Menschen suchen, wenn Wir ihnen die
Frohbotschaft verkünden: Wahrheit über Gott, Wahrheit über den Menschen
und seine geheimnisvolle Bestimmung, Wahrheit über die Welt; eine
schwierige Wahrheit, die wir im Worte Gottes suchen und von der, noch
einmal gesagt, gilt, daß Wir weder ihre Meister noch ihre Besitzer sind,
sondern nur die Verkünder, die Diener.
Von jedem Träger der Evangelisierung wird erwartet, daß er die Wahrheit
verehrt, um so mehr als ja die Wahrheit, die er vertieft oder mitteilt, nichts
anderes ist als die geoffenbarte Wahrheit und damit mehr als jede andere
Teil jener Urwahrheit, welche Gott selber ist. Der Prediger des Evangeliums
muß also jemand sein, der selbst um den Preis persönlichen Verzichtes
und gar Leidens immer die Wahrheit sucht, die er den anderen übermitteln
soll. Er wird die Wahrheit niemals verraten noch verbergen, um
den Menschen zu gefallen, ihr Staunen zu erregen oder sie zu schockieren,
weder durch Originalität noch im Drang nach Geltung. Er verweigert sich
der Wahrheit nicht. Er verdunkelt die geoffenbarte Wahrheit nicht, weil er
zu träge wäre, sie zu suchen, oder aus Bequemlichkeit oder auch aus
Furcht. Er versäumt nicht, sie zu studieren. Er dient ihr großzügig, ohne sie
zu vergewaltigen.
Die Hirten des Gottesvolkes, unser pastoraler Dienst drängt uns, die Wahrheit
zu hüten, zu verteidigen und zu verkünden, ohne auf etwaige Opfer zu
schauen. Wie viele hervorragende und heilige Hirten haben uns nicht ein
in vielen Fällen sogar heroisches Beispiel dieser Wahrheitsliebe hinterlassen!
Der Gott der Wahrheit erwartet von Uns, daß Wir ihm wachsame Verteidiger
sind und ergebene Verkünder.
Lehrer, die ihr ja seid, Theologen, Exegeten und Historiker, das Werk der
Evangelisierung bedarf eurer unermüdlichen Forschungsarbeit wie auch
eurer Aufmerksamkeit und eures feinen Gespürs in der Übermittlung der
Wahrheit, der eure Studien euch näherbringen, die aber immer größer ist
als des Menschen Herz, denn sie ist die Wahrheit Gottes selbst.
Eltern und Erzieher, eure Aufgabe – die die vielfältigen gegenwärtigen
Konflikte wahrhaftig nicht leicht machen – ist es, euren Kindern und
Schülern bei der Entdeckung der Wahrheit zu helfen, einschließlich der religiösen
und geistlichen Wahrheit.

Von Liebe beseelt
79. Das Werk der Evangelisierung setzt im Verkündiger eine stets wachsende
brüderliche Liebe zu den Menschen voraus, denen er das Evangelium
verkündet. Das Vorbild eines Trägers der Evangelisierung, der Apostel
Paulus, schreibt an die Thessalonicher das folgende Wort, das für uns alle
ein Programm darstellt: „Weil wir euch zugetan waren, wollten wir euch
nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben lassen, sondern auch an unserem
eigenen Leben, denn ihr wart uns sehr lieb geworden“127. Was ist das
für eine Liebe? Sehr viel mehr als die eines Erziehers, es ist die Liebe
eines Vaters; ja, noch mehr: die Liebe einer Mutter128. Das ist die Liebe, die
der Herr von jedem Verkündiger der Frohbotschaft erwartet, von jedem,
der die Kirche aufbauen will. Ein Zeichen dieser Liebe wird sicher die Sorge
sein, die Wahrheit mitzuteilen und in die Einheit einzuführen. Ein Zeichen
der Liebe wird es ebenso sein, sich ohne Vorbehalt und Abkehr der
Verkündigung Jesu Christi zu weihen. Führen Wir noch einige weitere Zeichen
dieser Liebe an. Das erste wäre der Respekt vor der religiösen und
geistlichen Lage der Menschen, die man evangelisiert. Respekt vor ihrem
eigenen Lebensrhythmus, den man nicht über Gebühr belasten darf. Respekt
vor ihrem Gewissen und ihren Überzeugungen, die man nicht brüskieren
soll.
Ein weiteres Zeichen dieser Liebe ist die Sorge, den anderen, zumal wenn
er in seinem Glauben schwach ist129, nicht mit Aussagen zu verletzen, die
für die Eingeweihten klar sein mögen, doch für die übrigen Gläubigen eher
Anlaß zu Verwirrung und Ärgernis werden können, zu einer Verwundung
der Seele.
Ein Zeichen dieser Liebe wird auch das Bemühen sein, den Christen nicht
Zweifel und Ungewißheiten zu vermitteln, die aus einer unzulänglichen
Bildung entspringen, sondern ihnen Gewißheiten zu geben; Gewißheiten,
die Bestand haben, weil sie im Worte Gottes verankert sind. Die Gläubigen
haben diese Gewißheiten für ihr tägliches christliches Leben nötig; sie
haben ein Recht darauf als Kinder Gottes, die sich in seinen Armen völlig
den Forderungen der Liebe überlassen.

Mit dem Eifer der Heiligen
80. Unser Aufruf läßt sich hier nun vom Eifer der größten Prediger und
Verkünder des Evangeliums inspirieren, die ihr Leben dem Apostolat gewidmet
haben. Unter ihnen möchten Wir in besonderer Weise an jene
erinnern, die Wir im Verlauf des Heiligen Jahres der Verehrung der Gläubigen
vorgestellt haben. Sie haben es verstanden, nicht wenige Hindernisse
der Evangelisierung zu überwinden.
Von diesen Hindernissen, die sich auch in unserer Zeit stellen, wollen Wir
hier jedoch nur eines hervorheben, nämlich den Mangel an Eifer, der um
so schwerwiegender ist, weil er aus dem Innern entspringt. Er zeigt sich in
der Müdigkeit, in der Enttäuschung, der Bequemlichkeit und vor allem im
Mangel an Freude und Hoffnung. Wir ermahnen deshalb alle diejenigen,
die auf irgendeine Weise und auf welcher Ebene auch immer mit der Evangelisierung
beauftragt sind, gerade den geistlichen Eifer zu fördern130.
Der geistliche Eifer verlangt zunächst, daß wir alle Alibis beiseite zu
schieben verstehen, welche sich der Evangelisierung in den Weg stellen
möchten. Die vergänglichsten sind sicher diejenigen, für die man in dieser
oder jener Aussage des Konzils eine Stütze zu finden vorgibt.
So hört man allzuoft in den verschiedensten Formen sagen: Eine Wahrheit
auferlegen, und sei es die des Evangeliums, einen Weg aufdrängen, sei es
der zum Heile, ist nichts anderes als eine Vergewaltigung der religiösen
Freiheit. Im übrigen, so fügt man hinzu, wozu überhaupt das Evangelium
verkünden, wo doch die Menschen durch die Rechtschaffenheit des Herzens
zum Heil gelangen können. Außerdem weiß man doch, daß die Welt
und die Geschichte erfüllt sind von „semina Verbi“: wäre es da nicht eine
Illusion zu behaupten, das Evangelium dorthin zu bringen, wo es schon
immer in diesen Samenkörnern anwesend ist, die der Herr selbst dort gesät
hat? Wer sich einmal die Mühe macht, in den Konzilsdokumenten den
Fragen auf den Grund zu gehen, welche diese „Alibis“ hier allzu oberflächlich
verwerten, der findet dort eine völlig andere Sicht der Dinge.
Sicherlich wäre es ein Irrtum, irgend etwas, was immer es auch sei, dem
Gewissen unserer Brüder aufzunötigen. Diesem Gewissen jedoch die
Wahrheit des Evangeliums und den Heilsweg in Jesus Christus in voller
Klarheit und in absolutem Respekt vor den freien Entscheidungen, die das
Gewissen trifft, vorzulegen – „ohne Zwang oder unehrenhafte oder ungehörige
Überredung“131 –, ist gerade eine Ehrung eben dieser Freiheit, der
so die Wahl eines Weges angeboten wird, den selbst die Nichtglaubenden
für ehrenvoll und erhebend halten. Ist es denn ein Vergehen gegen die Freiheit
des anderen, voller Freude eine Frohbotschaft zu verkünden, die man
selbst durch die Barmherzigkeit Gottes vernommen hat132? Und warum
sollten bloß die Lüge und der Irrtum, die Entwürdigung des Menschen und
die Pornographie das Recht haben, dargelegt und leider oft auch wegen der
Duldsamkeit der Gesetzgebung, der Furcht der Guten und der Dreistigkeit
der Bösen mit Hilfe einer zersetzenden Propaganda der Massenmedien den
Menschen geradezu aufgedrängt zu werden? Die – wie Wir sagten – respektvolle
Verkündigung der Botschaft Christi und seines Reiches ist nicht
nur ein Recht des Glaubensboten – sie ist mehr: sie ist seine Pflicht. Und
die Menschenbrüder dieses Glaubensboten haben auch ein Recht darauf,
von ihm die Verkündigung der Frohbotschaft und des Heils zu empfangen.
Dieses Heil kann Gott, bei wem er will, auf außerordentlichen Wegen wirken,
die nur er allein kennt133. Und doch ist sein Sohn gerade dazu gekommen,
um uns durch sein Wort und sein Leben die ordentlichen Heilswege
zu offenbaren. Uns hat er aufgetragen, diese Offenbarung mit seiner Autorität
an die anderen weiterzugeben. Es wäre sicher nicht ohne Nutzen,
wenn jeder Christ und jeder Verkündiger folgenden Gedankengang im Gebet
vertiefte: Die Menschen können durch die Barmherzigkeit Gottes auf
anderen Wegen gerettet werden, auch wenn wir ihnen das Evangelium
nicht verkünden; wie aber können wir uns retten, wenn wir aus Nachlässigkeit,
Angst, Scham – was der hl. Paulus „sich des Evangeliums schämen“
nennt134 – oder infolge falscher Ideen es unterlassen, dieses zu verkünden?
Denn das heißt, Gottes Anruf zu verraten, der durch die Stimme
der Diener des Evangeliums den Samen wachsen lassen will; es hängt von
uns ab, ob dieser zu einem Baum heranwachsen und reiche Frucht bringen
kann.
Bewahren Wir also das Feuer des Geistes. Hegen Wir die innige und tröstliche
Freude der Verkündigung des Evangeliums, selbst wenn Wir unter
Tränen säen sollten. Es sei für uns – wie für Johannes den Täufer, für
Petrus und Paulus, für die anderen Apostel und die vielen, die sich in
bewundernswerter Weise im Lauf der Kirchengeschichte für die Evangelisierung
eingesetzt haben – ein innerer Antrieb, den niemand und nichts
ersticken kann. Es sei die große Freude Unseres als Opfer dargebrachten
Lebens. Die Welt von heute, die sowohl in Angst wie in Hoffnung auf der
Suche ist, möge die Frohbotschaft nicht aus dem Munde trauriger und mutlos
gemachter Verkünder hören, die keine Geduld haben und ängstlich
sind, sondern von Dienern des Evangeliums, deren Leben voller Glut erstrahlt,
die als erste die Freude Christi in sich aufgenommen haben und die
entschlossen sind, ihr Leben einzusetzen, damit das Reich Gottes verkündet
und die Kirche in das Herz der Welt eingepflanzt werde.

Die Ausstrahlung des Heiligen Jahres
81. Damit habt ihr, liebe Brüder, Söhne und Töchter, den Ruf vernommen,
der aus der Tiefe Unseres Herzens kommt und ein Echo der Stimme jener
Mitbrüder ist, die sich zur dritten Generalversammlung der Bischofssynode
versammelt hatten. Es sind Überlegungen, die Wir zum Ende dieses
Heiligen Jahres an euch richten wollten. Dieses hat Uns erlaubt, mehr
denn je zuvor die Nöte und Anliegen einer sehr großen Zahl von Brüdern
– Christen wie Nichtchristen – zu vernehmen; sie alle erwarten von der
Kirche das Wort des Heils. Möge das Licht des Heiligen Jahres, das über
den Einzelkirchen und über Rom für Millionen mit Gott versöhnter Menschen
aufgeschienen ist, gleichermaßen auch nach dem Heiligen Jahr weiter
erstrahlen in einem Seelsorgsprogramm für die kommenden Jahre, die
den Vorabend eines neuen Jahrhunderts, ja sogar den Vorabend des dritten
Jahrtausends des Christentums bedeuten. In diesem Programm möge die
Verkündigung des Evangeliums den grundlegenden Gedanken darstellen.

Maria, Leitstern der Evangelisierung
82. Das ist der Wunsch, den Wir voller Freude den Händen und dem Herzen
der allerseligsten Jungfrau Maria anvertrauen, der ohne Erbsünde
Empfangenen, an diesem Tag, der ihr in besonderer Weise geweiht ist und
der zugleich der 10. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Vatikanischen
Konzils ist. Am Pfingstmorgen hat sie den Beginn der Evangelisierung mit
ihrem Gebet unter dem Wirken des Heiligen Geistes eingeleitet. Möge sie
der Leitstern einer sich selber stets erneuernden Evangelisierung sein! Die
Kirche muß diese getreu dem Auftrag des Herrn durchführen und vollenden
– ganz besonders in dieser unserer zugleich schwierigen und hoffnungsvollen
Zeit!
Im Namen Christi segnen Wir euch, eure Gemeinden, eure Familien, alle,
die zu euch gehören, mit den Worten des hl. Paulus an die Philipper: „Ich
danke meinem Gott jedesmal, wenn ich an euch denke; immer, in jedem
meiner Gebete, bitte ich mit Freude für euch alle; ich danke, weil ihr euch
gemeinsam für das Evangelium eingesetzt habt. . . Ich habe euch ins Herz
geschlossen, denn ihr habt alle Anteil an der Gnade, die mir gewährt ist
durch . . . die Verteidigung und Bekräftigung des Evangeliums. Gott ist
mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne mit der herzlichen Liebe,
die Christus Jesus zu euch hat“135.
Gegeben zu Rom bei St. Peter, am 8. Dezember, dem Hochfest der ohne
Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria, des Jahres
1975, dem dreizehnten Unseres Pontifikates.
Paulus PP. VI.


1 Vgl. Lk 22, 32.
2 Kor 11, 28.
3 II. Vat. Ökum. Konzil, Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes, Nr. 1:
AAS 58, 1966, S. 947
4 Vgl. Eph 4, 24; 2, 15; Kol 3, 10; gal 3, 27; Röm 13, 14; 2 Kor 5, 17.
5 2 Kor 5, 20.

6 Vgl. Papst Paul VI., Ansprache zum Abschluß der dritten Generalversammlung der Bischofssynode
am 26. Oktober 197: AAS 66, 197, S. 634–635; 637
7 Papst Paul VI., Ansprache an das Kardinalskollegium am 22. Juni 1973: AAS 65, 1973,
S. 383.

8 Kor 11, 28.
9 1 Tim 5, 17.
10 2 Tim 2, 15.

11 Vgl. 1 Kor 2, 5.
12 Lk 4, 43.
13 Ebd.
14 Lk 4, 18; vgl. Is 61, 1
15 Vgl. Mk 1, 1; Röm 1, 1-3.

16 Vgl. Mt 6, 33.
17 Vgl. Mt 5, 3-12.
18 Vgl. Mt 5-7.
19 Vgl. Mt 10.
20 Vgl. Mt 13.
21 Vgl. Mt 18.
22 Vgl. Mt 24-25

23 Vgl. Mt 24, 36; Apg 1, 7; 1 Thess 5, 1-2.
24 Vgl. Mt. 11, 12; Lk 16, 16.
25 Vgl. Mt 4, 17.
26 Mk 1, 27.
27 Lk 4, 22.
28 Joh 7, 46.

29 Lk 4, 43.
30 Joh 11, 52.
31 Vgl. II. Vat. Ökum. Konzil, Dogm. Konst. über die göttliche Offenbarung dei verbum,
Nr. 4: AAS 58, 1966, S. 818–819.
32 1 Petr 2, 9
33 Vgl. Apg 2, 11.
34 Lk 4, 43.

35 1 Kor 9, 16.
36 Vgl. Erklärung der Synodalväter, Nr. 4: L’Osservatore Romano vom 27. Oktober 1974,
S. 6.
37 Mt 28, 19.
38 Apg 2, 41. 47.
39 Vgl. II. Vat. Ökum. Konzil, Dogm. Konst. über die Kirche Lumen gentium, Nr. 8: AAS
57, 1965, S. 11; Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes, Nr. 5: AAS 58,
1966, S. 951–952.

40 Vgl. Apg 2, 42-46; 4, 32-35; 5, 12-16.
41 Vgl. Apg 2, 11; 1 Petr 2, 9.
42 Vgl. Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes, Nr. 1, 11-12; AAS 58,
1966, S. 951–952, 959–961.

43 Vgl. 2 Kor 4, 5; Augustinus, Sermo XLVI, De Pastoribus, CCL, XLI, S. 529–530.
44 Lk 10, 16; vgl. Cyprian, De unitate Ecclesiae, 14: PL 4, 527; Augustinus, Enarrat. 88,
Sermo, 2, 14: PL 37, 1140; Johannes Chrysostomus, Hom. de capto Eutropio, 6: PG 52,
402.
45 Eph 5, 25.

46 Offb 21, 5; vgl. 2 Kor 5, 17; Gal 6, 15.
47 Vgl. Röm 6, 4.
48 Vgl. Eph 4, 23-24; Kol 3, 9-10.
49 Vgl. Röm 1, 16; 1 Kor 1, 18; 2, 4.

50 Vgl. Nr. 53: AAS 58, 1966, S. 1075.

51 Vgl. Tertullian, Apologeticum, 39: CCL, I, S. 150–153; Minucius Felix, Octavius, 9
und 31: CSLP, Turin 1963 (2), S. 11–13, 47–48.
52 1 Petr 3, 15.

53 Vgl. II. Vat. Ökum. Konzil, Dogm. Konst. über die Kirche Lumen gentium, Nr. 1, 9, 48:
AAS 57, 1965, s. 5, 12–14, 53–54; Past. Konst. über die Kirche in der Welt von heute
Gaudium et spes, Nr. 42, 45: AAS 58, 1966, S. 1060–1061, 1065–1066; Dekret über die
Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes, Nr. 1, 5: AAS 58, 1966, S. 947, 951–952.
54 Vgl. Röm 1, 16; 1 Kor 1, 18.

55 Vgl. Apg 17, 22-23.
56 1 Joh 3, 1; vgl. Röm 8, 14-17.
57 Vgl. Eph 2, 8; Röm 1, 16. Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Declaratio ad fidem
tuendam in mysteria Incarnationis et SS. Trinitatis a quibusdam recentibus erroribus
vom 21. Februar 1972: AAS 64, 1972, S. 237–241.

58 Vgl. 1 Joh 3, 2; Röm 8, 29; Phil 3, 20-21.
Vgl. II. Vat. Ökum. Konzil, Dogm. Konst. über die Kirche Lumen gentium, Nr. 48–51:
AAS 57, 1965, S. 53–58.
59 Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Declaratio circa Catholicam Doctrinam de
Ecclesia contra nonnullos errores hodiernos tuendam vom 24. Juni 1973: AAS 65,
1973, S. 396–408.

60 Vgl. II. Vat. Ökum. Konzil, Past. Konst. über die Kirche in der Welt von heute Gaudium
et spes, Nr. 47–52; AAS 58, 1966, S. 1067–1074; Papst Paul VI., Enzyklika
Humanae vitae: AAS 60, 1968, S. 481–503.

61 Papst Paul VI., Ansprache zur Eröffnung der dritten Generalversammlung der Bischofssynode
am 27. September 1974: AAS 66, 1974, S. 562.

62 Papst Paul VI., Ansprache zur Eröffnung der dritten Generalversammlung der Bischofssynode
am 27. September 1974: AAS 66, S. 562.

63 Papst Paul VI., Ansprache an die „Campesinos“ von Kolumbien am 23. August 1968:
AAS 60, 1968, S. 623.

64 Papst Paul VI., Ansprache zum „Tag der Entwicklung“ in Bogotá am 23. August 1968:
AAS 60, 1968, S. 627; vgl. Augustinus, Epistola 229, 2: PL 33, 1020.
65 Papst Paul VI., Ansprache zum Abschluß der dritten Generalversammlung der Bischofssynode
am 26. Oktober 1974: AAS 66, 1974, S. 637.

66 Papst Paul VI., Ansprache bei der Generalaudienz am 15. Oktober 1975: L’Osservatore
Romano vom 17. Oktober 1975, S. 1.

67 Papst Paul VI., Ansprache an die Mitglieder des Laienrates am 2. Oktober 1974: AAS
66, 1974, S. 568.
68 Vgl. 1 Petr. 3, 1.
69 Röm 10, 14; 17.

70 Vgl. 1 Kor 2, 15.
71 Röm 10, 17.

72 Vgl. Mt 10, 27; Lk 12, 3.

73 Mk 16, 15.

74 Vgl. Justinus, I Apologia, 46, 1-4; II Apologia, 7 (8), 1-4; 10, 1-3; 13, 3-4: Florilegium
Patristicum II, Bonn 1911 (2), S. 81, 125, 127, 133; Clemens von Alexandrien, Stromata
I, 19, 91. 94: S. Ch 30, S. 117–118; 119–120; II. Vat. Ökum. Konzil, Dekret über
die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes, Nr. 11: AAS 58, 1966, S. 960; Dogm.
Konst. über die Kirche Lumen gentium, Nr. 12: AAS 57, 1965, S. 21.
75 Eusebius von Caesarea, Praeparatio Evangelica, I, 1: PG 21, 26-28; vgl. II. Vat. Ökum.
Konzil, Dogm. Konst. über die Kirche Lumen gentium, Nr. 16: AAS 57, 1965, S. 20.

76 Vgl. Eph 3, 8.

77 Henri de Lubac, Le drame de l’humanisme athée, Ed. spes, Paris 1945.

78 Vgl. Papst Konst. über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, Nr. 59: AAS
58, 1966, S. 1080.

79 1 Tim 2, 4.
80 Mt 9, 36; 15, 32.

81 Röm 10, 15.
82 Erklärung über die Religionsfreiheit Dignitatis humanae, Nr. 13: AAS 58, 1966, S. 939;
vgl. Dogm. Konst. über die Kirche Lumen gentium, Nr. 5: AAS 57, 1965, S. 7–8; Dekret
über die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes, Nr. 1: AAS 58, 1966, S. 947.
83 Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes, Nr. 35: AAS 58, 1966, S. 983.
84 Augustinus, Enarrat. in Ps 44, 23: CCL XXXVIII, S. 510; vgl. Dekret über die Missionstätigkeit
der Kirche Ad gentes, Nr. 1: AAS 58, 1966, S. 947.

85 Gregor der Große, Homil. in Evangelia, 19, 1: PL 76, 1154.
86 Apg 1, 8; vgl. Didachè 9, 1: Funk, Patres Apostolici, 1, 22.
87 Mt 28, 20.

88 Vgl. Mt 13, 32.
89 Vgl. Mt 13, 47.
90 Vgl. Joh 21, 11.
91 Vgl. Joh 10, 1-16.

92 Vgl. II. Vat. Ökum. Konzil, Konst. über die hl. Liturgie Sacrosanctum Concilium, Nr.
37–38: AAS 56, 1964, S. 110; vgl. auch die liturgischen Bücher und andere Dokumente,
die vom Hl. Stuhl zur Durchführung der vom selben Konzil gewollten Liturgiereform
veröffentlicht worden sind.

93 Papst Paul VI., Ansprache zum Abschluß der dritten Generalversammlung der Bischofssynode
vom 26. Oktober 1974: AAS 66, 1974, S. 636.
94 Vgl. Joh 15, 16; Mk 3, 13-19; Lk 6, 13-16.
95 Vgl. Apg 1, 21-22.
96 Vgl. Mk 3, 14.
97 Vgl. Mk 3, 14-15; Lk 9, 2
98 Apg 4, 8; vgl. 2, 14; 3, 12.

99 Vgl. Leo der Große, Sermo 69, 3; Sermo 70, 1-3; Sermo 94, 3; Sermo 95, 2: S. Ch. 200,
S. 50–52; 58–66; 258–260; 268.
100 Vgl. I. Ökum. Konzil von Lyon, Konst. Ad apostolicae dignitatis: Conciliorum oecumenicorum
Decreta, Ed. Istituto per le Scienze Religiose, Bologna (1973) (3), S. 278;
Ökum. Konzil von Vienne, Konst. Ad providam Christi, ebd., S. 343; V. Ökum. Laterankonzil,
Konst. In apostolici culminis, ebd., S. 608; Konst. Postquam ad universalis,
ebd., S. 609; Konst. Supernae dispositionis, ebd., S. 614; Konst. Divina disponente
clementia, ebd., S. 638.
101 Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes, Nr. 28: AAS 58, 1966, S. 985.
102 Vgl. II. Vat. Ökum. Konzil, Dogm. Konst. über die Kirche Lumen gentium, Nr. 22:
AAS 53, 1965, S. 26.
103 Vgl. II. Vat. Ökum. Konzil, Dogm. Konst. über die Kirche Lumen gentium, Nr. 10, 37:
AAS 57, 1965, S. 14, 43; Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes, Nr.
39: AAS 58, 1966, S. 986; Dekret über Dienst und Leben der Priester Presbyterorum
ordinis, Nr. 2, 12, 13: AAS 58, S. 992, 1010, 1011.

104 Vgl. 1 Thess 2, 9.
105 Vgl. 1 Petr 5, 4.

106 Dogm. Konst. über die Kirche Lumen gentium, Nr. 11: AAS 57, 1965, S. 16; Dekret
über das Apostolat der Laien Apostolicam actuositatem, Nr. 11: AAS 58, 1966, S. 848;
Johannes Chrysostomus, In Genesim Serm. VI. 2: VII,1l: PG 54, 607–608.

107 Mt 3, 17.
108 Mt 4, 1.
109 Lk 4, 14.
110 Lk 4, 18. 21; vgl. Is 61, 1.
111 Joh 20, 22.
112 Apg 2, 17.
113 Vgl. Apg 4, 8.
114 Vgl. Apg 9, 17.
115 Vgl. Apg 6, 5. 10; 7, 55.
116 Apg 10, 44.
117 Vgl. Apg 9, 31.

118 Vgl. II. Vat. Ökum. Konzil, Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes,
Nr. 4: AAS 58, 1966, S. 950–951.

119 Vgl. Joh 17, 21.
120 Vgl. Apg 20, 28.

121 Vgl. Dekret über Dienst und Leben der Priester Presbyterorum ordinis, Nr. 13: AAS
58, 1966, S. 1011.
122 Vgl. Hebr. 11, 27.

123 Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes, Nr. 6: AAS 58, 1966, S. 954–
955; vgl. Dekret über den Ökumenismus Unitatis redintegratio, Nr. 1: AAS 57, 1965,
S. 90–91.
124 Bulle Apostolorum limina, VII: AAS 66 M 1974, S. 305.
125 Röm 5, 5.

126 Vgl, Joh 8, 32.

127 1 Thess 2, 8; vgl. Phil 1, 8.
128 Vgl. Thess 2, 7. 11; 1 Kor 4, 15; Gal 4, 19, 19.
129 Vgl. 1 Kor 8, 9-13; Röm 14, 15.

130 Vgl. Röm 12, 11.

131 Vgl. II. Vat. Ökum. Konzil, Erklärung über die Religionsfreiheit Dignitatis humanae;
Nr. 4; AAS 58, 1966, S. 933.
132 Vgl. Ebd., Nr. 9–14: a.a.O., S. 935–940.
133 Vgl. II. Vat.Ökum. Konzil, Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes;
Nr. 3: AAS 58, 1966, S. 955.
134 Vgl. Röm 1, 16.


135 Phil 1, 3-5. 7-8.